Mongolenmeute

Brief an die Redaktion der Zeitschrift „Unser Rassehund” (VDH)

(Siehe auch unter Kategorien: Meine Aufgabe als Ratgeber!)

In der Septemberausgabe des „UR“, der Zeitschrift des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) wies die Gesamtstatistik der Welpenzahlen für das Jahr 2011 einen weiteren Rückgang auf. Damit wurde ein seit Jahren anhaltender Abwärtstrend für die Welpenverkäufe aus den „kontrollierten“ Zuchten des VDH fortgeführt. Auch für den Tibet Terrier wurden mit nur 576 (hoffentlich habe ich jetzt die richtige Zahl erwischt), die seit Jahren niedrigste Zahl von Welpen angemeldet.

Da es nur seitens des VDH gesicherte Zahlen gibt, kann nicht festgestellt werden, ob sich diese Tendenz auch außerhalb der VDH-Klubs bemerkbar macht. Doch im UR habe ich zum ersten Mal zu dieser Entwicklung richtig pessimistisch klingende Äußerungen vonhohen VDH-Funktionären gelesen. Das habe ich zum Anlass genommen, an die Redaktion des UR folgenden Brief zu schreiben:

Zu den „Editorials“ des UR 09 und 10 – 2012 von Herrn Professor Dr. Peter Friedrich und Herrn Hermann J. Gerhards

Im Editorial des UR 09 und 10 -2012 finde ich fast deprimiert klingende Töne. Herr Hermann J. Gerhards fürchtet unter der Überschrift „Sind wir die Verlierer?“ das Thema „Qualzucht“ als Folge der möglichen Neuerungen des Tierschutzgesetzes. Und beschwört danach alle die Leistungen, die der VDH zum Erhalt der Rassen erbracht hat, so u.a. die Kontrollen der Zucht, die finanziellen Aufwendungen und die wissenschaftlichen Forschungen, die vor allem über die GKF intensiv unterstützt werden – und beklagt die Benachteiligungen, unter denen die Zucht im VDH zu leiden habe. Seine Forderung nach einem Heimtierschutzgesetz ist in diesem Zusammenhang, allerdings auch grundsätzlich, nachvollziehbar und wichtig.

Da beklagt auch Prof. Dr. Peter Friedrich den Rückgang der Welpenzahlen und kann in den Einzeldaten keine Systematik erkennen. Schlimmer noch: „Wo liegen die Gründe? Sichere Aussagen sind dazu nicht möglich“. Um dann zu bedauern, dass „die kritische Lage vieler herrenloser Hunde“ dem VDH genauso wenig helfe wie die „Gleichgültigkeit gegenüber unkontrollierter Massenvermehrung und tierschutzwidriger Transportaktionen“. Ich verfolge nun seit 21 Jahren aufmerksam das Zuchtgeschehen nicht nur bei „meiner“ Rasse, dem Tibet Terrier, sondern über den UR, aber auch weit darüber hinaus in diverser Fachliteratur und in der öffentlichen Fachdiskussion. Und da kommt mir doch die Frage, ob Herrn Friedrich und Herrn Gerhards nicht einige der wichtigsten Gründe für den „Rückgang“ (will nicht sagen „Niedergang“ ) der Zuchtentwicklung im VDH aus dem Blick geraten sind.

Krise der Rassehundzucht durch BBC-Weigerung offenkundig

Denn es ist doch eine offenkundige Tatsache, dass sich die gesamte Rassehundzucht in der vielleicht nachhaltigsten Krise ihrer Geschichte befindet. Das meine ich gar nicht in erster Linie im Hinblick auf die schwindenden Welpenzahlen, sondern in erster Linie im Hinblick auf die Praxis der Zucht in den VDH-Vereinen und in der Wahrnehmung durch Öffentlichkeit. Denn dort hat sich das Ansehen der Rassehundzucht extrem verschlechtert. Die Weigerung der BBC, von der berühmtesten Ausstellung, der Crufts, das Richten etlicher Rasse zu übertragen, hat die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit auf extreme Fehlentwicklungen der Rassehundzucht im Ursprungsland gelenkt – und der Unfähigkeit – oder dem Mangel an Willen – der englischen Zuchtklubs, dieser Fehlentwicklungen aus eigener Kraft Herr zu werden.

Es mussten parlamentarische Institutionen eingreifen, um die Rassestandards zu ändern! Aber auch in diesem Jahr sind bei der Crufts immer noch sechs der 15 Gruppensieger nach tierärztlicher Untersuchung disqualifiziert worden. Statt diese Auswüchse eines verheerenden Umgangs der Züchter mit der Gesundheit und Leistungsfähigkeit ihrer Hunde zu geißeln, beschwert der VDH sich über die tierärztlichen Kontrollen – in meinen Augen eine seltsame Auffassung, für das „Wohl der jeweiligen Rassen zu arbeiten“ (Zitat J. Gerhards).

Folgen für Deutschland

Die Vorgänge in England hatten auch in Deutschland erhebliche Folgen. Seit Jahren gibt es nun in diversen TV-Anstalten furchtbare Sendungen über furchtbare Fehlentwicklungen bei bestimmten Rassen. Und musste nicht der VDH gerade den Züchtern der English Bulldog die Zuchterlaubnis entziehen, weil sie es trotz langjähriger Warnungen nicht geschafft haben, ihre Zuchtpraxis umzustellen und gesunde, statt deformierte Hunde zu züchten? In einige Rassehundklubs hat der VDH auch Wissenschaftler vermittelt, damit diese Zuchtprogramme erstellen, um den Klubs aus ihrer meist selbst verursachten Misere heraus zu helfen.

So ist die Rassehundezucht nicht nur in der weniger orientierten Öffentlichkeit, sondern gerade auch in den besser informierten Kreisen immer mehr zum Synonym für Krankheit und Betrug am Welpenkäufer geworden. Und nur wenige Klubs scheinen es aus eigener Kraft geschafft zu haben, aus grundsätzlich falschen Zuchtphilosophien heraus zu kommen und sich wieder eine neue züchterische Zukunft zu verschaffen. Einer dieser Klubs ist die HZD, die sich eine der strengsten Zuchtordnungen im Hinblick auf moderne Rassehundzucht geschaffen hat.

Krebsübel: Matadorzucht und Überzeichnung von Rassemerkmalen

Und hier sind wir bei dem eigentlichen Problem der Krise der Rassehundzucht auch im VDH. Die Vorgänge bei der Crufts und die folgende Berichterstattung auch in Deutschland sind ja nicht die Ursache der Misere. Sie decken vielmehr das auf, was schon seit Jahrzehnten den Kennern der Rassehundzucht nicht verborgen geblieben ist. Dass nämlich zwei Krebsübel seit geraumer Zeit dabei sind, die Rassen und ihre Zucht zugrunde zu richten: Der seit Jahrzehnten ungebrochene Hang zur „Matadorzucht“, auch Championzucht genannt, was nichts anderes als eine Form der Inzucht darstellt, und die „Überzeichnung“ von Rassemerkmalen, die zu einer Verzerrung des Bildes beinahe der meisten Rassen – nicht nur in Deutschland führt. Beides zusammen hat eine starke Beeinträchtigung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Rassen bewirkt.

Beispiele

Die sich in der Gegenwart zuspitzende Misere der Rassehundzucht ist ein Produkt der ursprünglichen Rassehundzucht-Philosophie aus englischen Ursprüngen, die auf Inzucht beruhend „Hoch- bzw. Edelzuchten“ anstrebt, und modernen Tendenzen, die man mit Überzeichnung von Rassemerkmalen (z.B. wegen Modetrends) bezeichnen kann. Wer sich die Fotos von Rassen wie English Bulldog, Cocker Spaniel, Shar Pei, Welsh Corgi, Irish Setter, Chow Chow, Deutscher Schäferhund, Afghane oder dem Tibet Terrier von den 1930er Jahren besorgt – die Liste ist lange nicht vollständig – und mit heutigen Fotos vergleicht, der erkennt, dass diese Rassen heute teilweise bis zur Unkenntlichkeit verzerrt sind.Und das durchschnittliche Gewicht z.B. des Bernhardiners hat sich in nur wenigen Jahren von 50 kg auf 70 kg erhöht! Und all das, obwohl sich die zugrunde liegenden Rassestandards kaum verändert haben!

Die geschilderte Entwicklung wirft also einen Blick auf den katastrophalen Stand der Zuchtrichterkompetenzen! Denn vor allem das Ausstellungswesen hat zur Zerstörung der Urformen geführt. Bei vielen der genannten Rassen sind die gezeigten Veränderungen auch mit schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen einher gegangen – wie etwa der brachiale Schädel der English Bulldogs oder das Shar Pei Fieber durch die forcierte Faltenbildung dieser Hunde – oder die vom DSV immer geleugnete Auffälligkeit von HD beim Schäferhund. Ich weiß: Der VDH versucht bereits seit mindestens 20 Jahren, sich diesen Entwicklungen entgegen zu stellen.

Seit dieser Zeit prallen die Erkenntnisse der modernen Hundezucht auf erstarrte, überkommene Strukturen und Denkweisen der Züchter in vielen Zuchtvereinen. Eines der wichtigsten Anliegen Frau Dr. Eichelbergs, nämlich die Umstellung von der Matadorzucht auf eine komplementäre Zuchtstrategie, hat sich erst in wenigen Klubs durchsetzen können. Dabei hat sie schon 1993 auf die Nachteile der Matadorzucht hingewiesen – und auch deutlich gemacht, dass mit dieser Zuchtstrategie das Gesamtniveau einer Rasse sinkt, statt verbessert zu werden.

Gendefekte als Folge der Matadorzucht

Und inzwischen dürfte es sich herum gesprochen haben, dass „alle“ bekannten Gendefekte bei den Rassehunden auf diese Form der Inzucht zurück zu führen ist. Genetiker nennen die Matadorzucht „Popular Sire Syndrom“! Der VDH und seine Vereine geben zwar viel Geld für die wissenschaftliche Forschung nach Gendefekten und entsprechenden Gentests aus. Aber bei diesen Defekten handelt es sich um die Folgen von verfehlten Formen der Zucht. Die Ursachen, die Matadorzucht, wird nicht damit erfasst. Und die Wissenschaftler mögen noch so viele Gentest erfinden. Es werden immer wieder neue Gendefekte auftauchen, solange die eigentlichen Ursachen dafür nicht beseitigt werden.

Dabei sehe ich nicht in den bekannten Gendefekten, sondern in den eher unbekannten, wenig beachteten, unregistrierten Defekten das größere Problem. Es geht um die schleichende Schwächung des Immunsystems, das zunehmende Auftreten von Allergien, das Auftauchen von eigentlich extrem seltenen Stoffwechselerkrankungen oder auch die zunehmende Empfindlichkeit des Verdauungssystems der Hunde. Von der Magendrehung, einer tödlichen, zweifellos auf Inzucht zurück gehenden Bedrohung etlicher großer Rassen will ich da gar nicht erst reden. Heute gilt tatsächlich das, was Tierärzte schon seit langer Zeit mehr oder weniger offen diskutieren, nämlich dass F1-Hybriden von Eltern unterschiedlicher Rassen gesünder und weniger problematisch sind als die Rassen der Elterntiere! (Dass mit der F1-Generation dann das Ende der züchterischen Fahnenstange erreicht ist, wissen die Kenner aber auch sehr wohl).

Widerstand gegen moderne Zuchtmethoden -Betrug am Welpenkäufer

Aus meiner Sicht wissen die meisten Züchter in den Klubs, – oder müssten es wissen -, die sich gegen moderne Zuchtmethoden stemmen, dass sie am Interesse ihrer Rasse und an allen Regeln moderner Kynologie vorbei züchten. Aber sie stellen nach meiner Beurteilung der Dinge ihre eigenen Interessen über das gemeinsame Interesse der Rasse. Es ist – auch bei der Zucht meiner Tibet Terrier – manchmal Atem beraubend zu sehen und zu lesen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse der Rassehundzucht schlichtweg ignoriert oder weg geredet werden! Ein solches Verhalten ist in meinen Augen Betrug am Welpenkäufer. Und den einigermaßen interessierten Hundeleuten sind diese Fehlentwicklungen nicht verborgen geblieben. Sie fragen sich, worin es bei der geschilderten Situation begründet ist, dass ein Welpe in VDH- oder F.C.I. – Zuchten 1000 € oder mehr kostet, obwohl er mit allen Risiken einer aus Inzucht stammenden Deprivation und Depression behaftet sein kann. Wo ist da der Unterschied zur Dissidenz?

Beispiel Tibet Terrier

In welcher Weise die von mir genannten Krebsübel der Rassehundzucht, –  Matadorzucht und Überzeichnung der Zuchtmerkmale -, eine Zerstörung der Rasse in Gang setzen kann, vermag ich ihnen anschaulich an der Zuchtgeschichte des Tibet Terriers darzulegen. Alle heute weltweit existierenden Tibet Terrier – außerhalb des Ursprungslandes – stammen von insgesamt 26 Ursprungshunden ab, die seit 1930 den Weg nach Europa gefunden haben. Doch der Genpool dieser Ursprungshunde ist 81 Jahre danach extrem geschrumpft.

Heute lassen sich alle TT weltweit bestenfalls noch auf 10 Ahnen zurückführen. Und von denen sind drei oder mehr züchterisch so wenig präsent, dass der TT-Genpool bald auf nur 6 oder 7 Ahnen geschrumpft sein wird. Natürlich wird die genetische Vielfalt einer Zucht wesentlich auch von den Rekombinationen bestimmt, sodass selbst das Schrumpfen auf 10 Ahnen für eine kleine Zuchtgruppe wie den TT so eben verkraftbar wäre – wenn man denn auf Vielfalt züchtet und dabei die international anerkannten Grenzen des Inzuchtkoeffizienten beachten würde. Doch genau das geschieht nicht, aber darauf komme ich später noch zurück.

Originale Importe aus Tibet

Die bedrohliche Situation des Genpools und die Inzuchttendenzen der Rasse, durch die in den letzten Jahrzehnten gleich drei Wellen diverser Gendefekte das Ende der TT-Zucht hätten herbei führen können, hat besorgte Züchter und Zuchtrichter, sie gehören zu den erfahrendsten dieser Rasse, veranlasst, seit 2005 wieder Tibet Terrier aus dem Ursprungsland einzuführen. Denn es besteht hier die beneidenswerte Situation, dass auch heute noch im Ursprungsland „im Original“ die Hunde vorkommen, die vor 81 Jahren nach Europa importiert worden sind. Und diese neuen Importe sehen genauso aus wie Ursprungshunde und sind auch seitens der F.C.I. als „echte“ Tibet Terrier zertifiziert.

Inzwischen sind 13 Originalimporte im „Native Tibetan Terrier Projekt“ angekommen. Damit besitzen die „neuen, alten“ TT bereits einen umfassenderen Genpool als alle anderen TT-Zuchten weltweit! Und auch die Nachzuchten der „Originale“, bereits drei oder gar vier Generationen, zeigen, dass es sich um die Hunde handelt, die in allen Standards bis heute, der letzte F.C.I.-Standard datiert vom Februar 2011, gefordert werden. Außerdem weisen sie wohl keine der Homogenisierungen auf, die seit den 1970er Jahren bei den europäischen TT die entsprechenden Gendefekte herbei geführt haben. So könnte man annehmen, dass es alleine schon die züchterische Vernunft gebiete, in einem sorgfältigen Programm unter wissenschaftlicher Leitung eine systematische Einkreuzung der Importe in die „alten“ Linien herbei zu führen.

Verantwortungsloses Verhalten der Zuchtklubs

Doch weit gefehlt! Im Mai 2012 hat der größte TT-Klub nicht nur die Einführung eine IK-Grenzwertes nach internationaler Übereinkunft (6,25% bei 10 Generationen, Cousine mit Cousin) abgelehnt, sondern es ebenfalls abgelehnt, das Züchten mit den Tibetimporten zu fördern! (Ergänzung: Seit Mitte 2012 erhalten die Züchter des größten Klubs ein Programm zur Berechnung des IK ihrer Würfe auf 9 Generationen. doch die Beachtung der Grenzwerte ist freiwillig)

Showdogs – Verschwinden der ursprünglichen Rassemerkmale

Parallel zu dieser züchterischen Unvernunft hat sich das andere Krebsübel, die Überzeichnung der Zuchtmerkmale und die Verzerrung des Erscheinungsbildes des TT entwickelt. Bis Anfang der 2000er Jahre hat man zwar mit teils exzessiver Matadorzucht gearbeitet, aber zumindest das äußere Erscheinungsbild des TT hat sich an den Ursprungsmerkmalen, und damit auch den Forderungen des Standards orientiert. Doch spätestens seit 2004 verdrängen in zunehmendem Maße anglo-amerikanische Showdogs diejenigen Tibet Terrier, die den im Standard geforderten Merkmalen entsprechen.

Die Merkmale dieser Showdogs jedoch sind, nach der Charakterisierung eines der besten TT-Kenner, z.B. Mike Tempest, aber auch deutscher Spezialzuchtrichter: Unter einem üppig topgepflegten Haar, das aber oft nicht dem Standard entspricht, werden deutliche Fehlermerkmale verborgen wie ein schlanker, hochbeiniger Körper mit geringer Substanz, ein zierlicher Kopf mit Neigung zum Fuchsgesicht, Schwanenhals, flacher Brustansatz, steile Winkelungen vor allem in der Vorderhand und zu hoch angesetztes Sprunggelenk oder zu niedriges, und extreme Winkelung in der Hinterhand. Diese Art von Showdogs werden von der Rasse verbundenen Züchtern auch „Mini-Afghanen“ genannt.

Hochgeschwindigkeitshunde

Dazu kommt eine weitere Unart: In den letzten Jahren macht sich in den Ausstellungsringen beim TT eine besondere Gangart breit. Aussteller versuchen die Gangwerkfehler ihrer Hunde zu kaschieren, indem sie mit hoher Geschwindigkeit durch den Ring sprinten. An dieser Unart, aber auch besonders gegen die Richter, die das zulassen, übt Pat Noujaim, scharfe Kritik.

Frau Noujaim hat 30 Jahre TT-Erfahrung und war beauftragt, den englischen, und damit den F.C.I.-Standard des Tibet Terriers von 2011 zu formulieren. Richter, die diese »Hochgeschwindigkeitstibis« dulden, so Pat Noujaim, seien unfähig zu erkennen, dass eine hohe Geschwindigkeit untypisch für die Bewegung des TT sei und nur dazu geeignet, Fehler zu verdecken. Denn, so P.N., die wirkliche Qualität der Bewegung bzw. des Gangwerks beim TT könne man bei dieser Geschwindigkeit überhaupt nicht beurteilen. Sie verweist dabei besonders auf die Standardforderungen für den TT wie »balanced without exaggeration (ausbalanciert ohne Übertreibung)«, »smooth (flie-ßend, geschmeidig)«, »effortless drive with good reach ( müheloser Vorwärtsschritt mit guter Reich-weite)«.

Der oben bereits erwähnte Mike Tempest, 38 Jahre TT-Erfahrung, hat am vorigen Standard mitgewirkt und schließt sich der scharfen Kritik Pat Noujaims an. Er nennt diese Entwicklung »juggernaut«, also eine fixe Idee, einen verhängnisvollen Trend bei den TT, dem vor allem Richter, die wenig Ahnung vom Rassetyp des Tibet Terriers haben, sich nicht wagen entgegenzustellen! Eine vernichtende Kritik beider Fachleute also. Damit legen beide TT-Fachleute auch den Finger in eine offene Wunde.

Denn der Fisch stinkt vom Kopfe her, und das heißt, zuerst von den Zuchtrichtern.

Für die Anhänger der originalen tibetischen Merkmale ihrer Hunde ist es deprimierend zu sehen, wie ihre Hunde, die dem TT-Standard entsprechen, von Zuchtrichtern herab gestuft werden, die statt dessen Hunde bevorzugen, die sich weit vom Standard entfernt haben.

Abschreckendes Beispiel

Ein abschreckendes Beispiel bietet hier die Jahrhundertsiegerschau 2011. Als BOB bei den TT wurde vom finnischen Richter ein Hund ausgewählt, der alles andere darstellt, aber bloß keinen Tibet Terrier. Er stammt aus der zur Zeit führenden amerikanischen Showdogzucht, die sich durch eine erstaunliche Einheitlichkeit der Erscheinungsform ihrer Hunde „auszeichnet“ und sich im Rang durch das oben beschriebene Hochgeschwindigkeitsverhalten bemerkbar machte. Die am Ring anwesenden deutschen Spezialzuchtrichter haben für die Entscheidung des finnischen „Richterkollegen“ nicht nur demonstrativ den Beifall verweigert, sondern diese Vorführung auch per Video als Schulungsbeispiel für die Fehlentwicklung bei der Beurteilung der tibetischen Hunde unter den Zuchtrichtern in Deutschland verbreitet.

Und die Krone setzte dieser Fehlentscheidung der Vorsitzende der F.C.I. auf, als er diesen Hund noch zum Jahrhundertsieger erklärte. Am Tag darauf richtete übrigens eine anerkannte Kennerin die TT. Da ließ sich der „Jahrhundertsieger“ gar nicht erst blicken. Das ändert aber nichts an der Frustration der um die Rasse bemühten Züchter, die durch solche Entscheidungen vertieft wird. Diese Inkompetenz der Zuchtrichter verstärkt natürlich die Tendenz in der Zucht, Hunde mit diesen veränderten Merkmalen aufzunehmen. Wer möchte als Züchter im Ring immer unter den Verlierern sein? So wird diese verhängnisvolle Zuchttendenz verstärkt.

Rassehund-Zuchtkrise zuerst eine Krise der Kompetenz der Zuchtrichter, dann der Zuchtverantwortlichen

Worauf ich also hinaus will: Das schlechte Ansehen der Rassehundzucht ist, europaweit, hausgemacht. Die Krebsübel der Rassehundzucht, Matadorzucht mit Inzuchtdepressionen einerseits und die Überzeichnung von Rassemerkmalen, die man fast bei allen Rassen in unterschiedlichem Ausmaß und Verzerrungsgrad feststellen kann und die bei etlichen Rassen zu schweren Einbußen ihrer Leistungsfähigkeit und Gesundheit geführt haben, geht in die Verantwortung zuerst der Zuchtrichter, dann aber der Zuchtverantwortlichen und der Züchter der Klubs.

In dieser Reihenfolge urteilt übrigens auch Helmuth Wachtel, einer der angesehendsten österreichischen Kynologen, in seinem neuen Fachbuch „Rassehundzucht wohin?“ Wenn der VDH also nach Gründen für das gesunkene Ansehen der Rassehundzucht und dem „unsystematischen“ Rückgang der Welpenzahlen sucht, dann sollte er nicht nur die wirtschaftliche Lage ins Auge fassen, sondern die Situation im eigenen Hause bereinigen, damit hinter der Behauptung, die VDH-Zucht sei qualitativ bedeutend besser als alles außerhalb, auch wieder eine überzeugende Substanz steht.

Und: Es ist viel schwerer, verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen, als Vertrauen zu verlieren!

Kommentare

Sehr geehrter Herr Kraßnick,

zuerst einmal , vielen Dank für all Ihre bisher geschriebenden Bücher zum Tibet Terrier.
Bin seit 12 Jahren der Rasse verfallen und ja ich bin Desidenzzüchter, ich weis das Sie dem nicht gut gesinnt sind.
Ich habe Tibbis aus FCI Zucht, mein letzter kleiner Rüde „Henry“ von meiner Freundin Martina Adamenko von Khyimi.eu.
Bin vor Jahren für den VDH geworben wurden, aber leider habe ich über Jahre gesehen, was hier teilweiseise aus den doch so hochgesprießenden Zuchten mit den Tibbis gemacht wird bzw. das es auch hier Hundevermehrer gibt und das kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren !!!.
Habe über 2 Jahre Anwälte gegen einen ehemaligen VDH Zuchtwart( Manfred Keßler) beschäftigt, kurz vor dem Gerichtstermin, hatte dann seine Anwältin das Mandat niedergelegt.Warum ??- kein Geld mehr??, man hat gemerkt, das man mit seinen Lügen nicht weiterkommt- und trotzdem hat sich nichts geändert, auf Teufel komm raus, werden Welpen produziert um an Geld zu kommen.

Machen Sie bitte so weiter !!!!, Ich habe mich ganz viel mit den neuen Importen und der Internetseite beschäftigt und meine Hochachtung an all die, die das unterstützen.
Ich denke es wird nur eine Frage der Zeit sein ( hoffe ich ), das der große VDH merkt, wie wichtig die neue Einkreuzung der neuen Tibbi Gene wichtig zum Erhalt dieser wunderschönen Rasse ist.
Würde mich sehr freuen in Kontakt zu bleiben.

Schönen Sonntag und ganz luebe Grüße an Ihre Tibbi Nasen

Elke Martin

Sehr geehrte Frau Martin!

Ich bedanke mich für ihren ausführlichen, wohlwollenden Kommentar. Und gleich vorweg: Ich habe nur gegen ganz bestimmte Formen der Zucht in der Dissidenz etwas einzuwenden. Denn wie ich schon in meinem letzten Buch gesagt habe, ich kenne etliche, vor allem in einem bestimmten Forum, die zwar zur „dissi“ gehören, aber ihre Hunde genauso lieben wie ich und sich bemühen, mit Sinn und Verstand zu züchten.

Und dass ich nicht blind die vorgeblich „seriösen“ Zuchten im VDH hervorhebe, sehen Sie ja an diesem Brief.

Allerdings ist für mich der VDH die einzige Organisation, die über das Potenzial verfügen könnte, die immer noch andauernden Irrwege der Rassehundzucht zu korrigieren. Man bemüht sich dort zwar, aber die einzelnen Klubs verfügen über soviel Autonomie, dass der VDH nur im äußersten Fall eingreifen kann.

Ich wünsche Ihnen und ihren Hunden alles Gute

Adolf Kraßnigg

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