Mongolenmeute

Gangwerk des Tibet Terriers (Biomechanik)

Gangwerk des Tibet Terriers unter Berücksichtigung der Ergebnisse biomechanischer Forschungen durch die Uni Jena (Prof. Fischer, Hunde in Bewegung)

 

1. Teil

 

Bedeutung der Gangwerksbeurteilung

Das Gangwerk unserer tibetischen Hunde ist der „Scharfrichter“ über alle anderen Urteile, die ich über den Körperbau eines Hundes vornehme. Was immer über die Front, die Hinterhand, den Kopf, die Rückenlinie, die Winkelungen usw. gesagt wird, verliert seinen Wert, wenn es im Gangwerk nicht zusammen passt. Insofern entwickelt sich die Beurteilung des Gangwerks bei verständigen Zuchtrichtern zum wichtigsten Merkmal überhaupt. Und das ist nur begrüßenswert!

 

Doch es gibt einen Grund, warum ich mir dieses Thema vorgenommen habe. Denn weil bei der Betrachtung und Analyse des Gangwerks ein geschultes Auge nötig ist, gibt es immer wieder Interpretationsprobleme. Bei der Frage der Ursachen für Gangwerkfehler aber sind zudem gediegene Kenntnisse aus der Biomechanik notwendig. Denn die Ergebnisse der aktuellen biomechanischen Forschungen an der Bewegung der Hunde, auch dem TT, widersprechen etlichen alt her gebrachten Ansichten über das Gangwerk, wie sie seit Jahrzehnten gelehrt werden und korrigieren sie. Aber es zeigt sich, dass sowohl etliche Zuchtrichter wie auch Züchter die Erkenntnisse der Biomechanik nicht kennen oder bisher ignoriert haben, obwohl wesentliche Punkte dazu seit dem Tibet Terrier Weltkongress 2005 in Oer-Erkenschwick, seit 8 Jahren also, eigentlich jedem TT-Interessierten zur Verfügung stehen, publiziert unter anderem in den beiden KTR-Reportern im Jahr 2005 .

 

 

Hunde in Bewegung

Und seit 2011 steht der vollständige Forschungsbericht der Uni Jena unter Federführung von Professor Martin Fischer jedem Hundekenner zur Verfügung. Es handelt sich hierbei um die weltweit umfangreichste und in ihrer Forschungsausrichtung einzigartige Publikation zum Thema „Hunde in Bewegung“. Für wie wichtig der VDH diese Arbeit betrachtet, erkennt man daran, dass der VDH das neue Lehrwerk selber heraus gibt, in Kooperation mit dem Kosmos-Verlag.

Die insgesamt über fünf Jahre dauernde Forschungsarbeit an der Uni Jena wurde zudem durch 22 VDH-Vereine, darunter dem Internationalen Klub für Tibetische Hunderassen (KTR), und die „Kynologische Gesellschaft“ des VDH (Frau Professor Dr. Helga Eichelberg) unterstützt. Nach wie vor findet sich eine große Animation des Forschungsberichts auf den Webseiten der „Gesellschaft für kynologische Forschung“.

Insgesamt wurden 32 Hunderassen untersucht; auch drei Tibet Terrier. Der bekannteste ist dabei U’Batang-Lamleh von Nama-schu. Ihn und die anderen TT findet der Käufer des Buchs (knapp 40 €) in Bewegungsstudien auf einer DVD im Buch und über ein spezielles Passwort im Internet. Das Buch ist für jeden TT-Interessierten, vor allem aber für Zuchtrichter und Züchter ein Muss. Denn es gilt: Was immer irgend jemand auch über das Gangwerk unserer Hunde sagt, wenn es nicht mit den Ergebnissen der Studie aus Jena übereinstimmt, ist es falsch!

 

Thema im Forum

Doch wie bei der Genetik so zeigt sich auch hier die Lernresistenz etlicher eingefleischter TT-Leute. Besonders aufgefallen ist mir das bei einem Thema, das sich ganz allgemein mit dem Tibet Terrier befasste. Da wurde unter anderem ein TT-Foto gezeigt (habe ich hier aus Copyright-Gründen nicht eingestellt), auf dem angeblich eine zu kurze Schrittlänge in der Hinterhand zu sehen sei – und die Ursache dafür läge in einem zu kurzen Unterschenkel. Außerdem wurde nahe gelegt, dass ein Unterschenkel länger als der Oberschenkel ein typisch tibetisches Ursprungsmerkmal sei. „Knie hoch, Sprunggelenk tief“, lautet der einprägsame Satz der TT-Experten dazu! Ja, diese Ansicht vertreten sogar Zuchtrichter, deren Kernkompetenz über tibetische Hunde ich ansonsten nicht anzweifle.

 

Aber beide Behauptungen sind schlichtweg falsch, sowohl aus biomechanischer wie auch aus historischer Sicht (dazu habe ich bereits ein eigenständiges Thema in beiden TT-Foren formuliert). In Wirklichkeit lag der besprochene Gangwerkfehler in einem sehr extrem nach vorne akzentuierten Vortritt, der deutlich vor dem „Ohrpunkt“ (dazu später) aufsetzte.

 

Nachplappern und Wiederkäuen

Was mich an dieser Angelegenheit so ärgert: Ein noch junger Mensch, der durchaus einiges Wissen über unsere Hunde besitzt, bewegt sich mit seinen allzu gläubigen Lesern/Verehrern auf einem Kenntnisstand, der in den 1960er Jahren angemessen gewesen wäre. Dass sich in den folgenden Jahrzehnten sehr viel in der Kynologie getan hat, dass man Kenntnisse ständig hinterfragen und mit neuen Forschungsergebnissen abgleichen muss, dass man einen eigenständigen Umgang mit dem kynologischen Wissen erreichen muss, statt nur seinen „Vorbildern“ nachzureden, ist bei ihm nicht angekommen. Statt dessen glaubt er sich über die Wissenschaft, hier gemeint ist die Biomechanik, lustig machen zu dürfen.

 

Gegen das Nachplappern und Wiederkäuen überkommener Ansichten über das Gangwerk unserer Hunde will ich nun eine Darstellung der Bewegung des TT unter Berücksichtigung der neuen biomechanischen Kenntnisse leisten. Denn ich kann mir vorstellen, das auch willige Leser mit dem Buch von Prof. Fischer Schwierigkeiten haben, nachzuvollziehen, was dort zum Gangwerk der Hunde allgemein und des TT insbesondere zu finden ist. Das liegt einerseits am Umfang der Studie, aber natürlich auch in der für viele fremden Wissenschaft, der Biomechanik.

 

Meine Voraussetzungen

Ich selber habe während meines Studiums der Sportwissenschaft an der RU Bochum im Rahmen der Sportbiologie die Teilbereiche „funktionale Morphologie/Biomechanik“, Leistungsphysiologie und Senso-Motorik belegt und selber an biomechanischen Test- und Forschungsreihen teilgenommen. Kurioserweise war ich zudem der einzige Sportstudent, der jemals in der medizinischen Anatomie der RUB lernen durfte; ein zwar etwas gruseliges, aber ansonsten sehr interessantes und lehrreiches Erlebnis.

 

Und über all die Jahre habe ich die Themen aus meiner Studienzeit nicht aus dem Auge verloren. Für mich ist das also vertrautes Terrain. Und die Gesetze der Biomechanik gelten für alle „organischen Bewegungssysteme“, für Menschen genauso wie für Tiere. Darum mache ich hier den Versuch, die Forschungsergebnisse für den Tibet Terrier in einer für alle verständlichen Sprache und Erklärungsweise darzulegen.

 

Slow-Food

Natürlich ist ein solches Thema nicht in einer Seite abzuhandeln. Ein wenig Ausdauer und Hartnäckigkeit wird schon verlangt. Der Slow-Food-Leser ist gefragt, nicht der Fast-Food-Konsument.

 

Darum sprengt der Umfang der Darstellung den Umfang eines normalen Themenbeitrags im Forum. Schon dieser Teil hier gerät ziemlich lang. Darum habe ich meine gesamte Darstellung als einen Beitrag in meine Webseiten gestellt: www.mongolenmeute.de; Seite „Aktuelles“. Der Beitrag trägt den o.g. Titel.

 

Das Anschauungsmaterial aber, das man als „nicht an der Forschungsarbeit Beteiligter“ einbringen kann, ist sehr begrenzt. Das wird man schnell erkennen, wenn ich gleich die „Arbeitswerkzeuge“ in der Biomechanik darlege. Diese dort dargestellten Untersuchungsmethoden stehen mir „optisch“ nicht zur Verfügung.

 

Darum ist es sehr hilfreich, wenn man das Buch „Hunde in Bewegung“, von Professor Martin Fischer, selber besitzt, einschließlich der DVD, auf der die drei erwähnten TT in ihrem Gangwerk, besonders auch in Zeitlupe, zu sehen sind. Diese Zeitlupen sollte man sich immer und immer wieder ganz genau anschauen, um ein anschauliches Bild auch von den Einzelheiten der Bewegung zu erhalten. Wer nicht über diese DVD verfügt, muss sich mit den von mir eingestellten Fotos von Hero-Chad (Lamleh von Kamal-a-schila) und Freckels (Silgarhi Octavius), dazu aber auch mit dem Anblick seiner eigenen TT in den verschiedenen angesprochenen Bewegungsmomenten zufrieden geben. Wer das aufmerksam tut, kommt damit sehr weit, auch wenn die Zeitlupen fehlen.

 

Octavius 2 Webseiten

Freckels – Silgarhi Octavius
Besitzer: Battke

Tschad 1 Webseiten

Hero-Chad-Lamleh von Kamal-a-schila
Züchter und Besitzer: Battke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist Biomechanik?

 

Doch am Anfang will ich beschreiben, was Biomechanik überhaupt ist und warum diese Wissenschaft sich so entscheidend für die Analyse von Bewegungen erweist. Ich setze hier zunächst die eingängige Definition der Biomechanik aus „Wikipedia“ ein:

 

 

„Die Biomechanik (von griechisch βίος „Leben“ und μηχανική „Mechanik“) ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die den Bewegungsapparat biologischer Systeme und die mit ihm erzeugten Bewegungen unter Verwendung der Begriffe, Methoden und Gesetzmäßigkeiten der Mechanik (Physik) beschreibt, untersucht und beurteilt. Sie baut auf den Kenntnissen von Physik, Mathematik, Chemie, Biologie, Sportphysiologie, Neurophysiologie und Anatomie auf. Untersucht wird eine große Bandbreite von Bewegungen, angefangen von der Grundlagenforschung zum menschlichen Gang über Bewegungen eines Arbeiters bis hin zu komplexen Bewegungen im Leistungssport. Dabei kommen vielfältige Methoden wie zum Beispiel verschiedene Arten der Kraftmessung, Elektromyografie, Motion Capture und Computersimulationen zum Einsatz. Anwendungsgebiete sind neben Leistungs-, Breiten- und Gesundheitssport auch Orthopädie, Gesundheitsförderung oder die Prüfung von Sportgeräten.“

 

Ich füge hinzu: Anwendungsbereiche finden sich heute immer mehr auch in der angewandten Technik! Man muss sich dazu nur die Publikationsliste von Professor Fischer anschauen.

 

 

2. Teil

Arbeitsmethoden der Biomechanik

 

Die Wikipedia-Definition spricht von „biologischen Systemen“ das heißt, die Betrachtung geht über den Menschen weit hinaus. Auch ist die Uni Jena nicht die erste, die sich mit der Biomechanik der Hundebewegungen befasst hat. Aber ihre fünf Jahre dauernde Forschung ist die umfangreichste und von den Untersuchungsmethoden her aufwendigste und modernste weltweit.

 

Es wurden dabei drei unterschiedliche Untersuchungsmethoden angewendet. Zum einen die „hochfrequente Videographie“! Dabei werden Hunde auf einem Laufband mit Kameras von der Seite und von vorne aufgenommen – hochfrequent, das heißt mit 500 Bildern pro Sekunde! So wird selbst die schnellste Bewegung „scharf“ sichtbar. Diese Aufnahmen sind in Ausschnitten auf der DVD und im Internet (Passwort im gekauften Buch) zu sehen.

 

Die zweite Untersuchungsmethode heißt „Marker basierte Bewegungsanalyse“. Manchmal wird für diese Methode auch der Begriff „motion capture“ verwendet.Hier werden beim Untersuchungsobjekt – oft sehr viele – Punkte am Bewegungsapparat markiert (es werden kleine Reflektoren angeklebt), die die entscheidenden Bewegungen repräsentieren. Eine PC-gestützte Auswertung kann nun die Bewegung der Punkte, und damit des Körpers im Raum verfolgen (optisches Tracking), die Geschwindigkeit in jedem der Punkte zu jedem Moment, berechnen, auch im Verhältnis zueinander, und Rückschlüsse auf den jeweiligen Krafteinsatz ziehen. Diese Untersuchungsmethode ist nicht neu, aber durch die Computerentwicklung des letzten Jahrzehnts zu einer unglaublichen Qualität geworden.

 

Und mit Röntgenfilmen als dritte Methode kann man nun während der Bewegung in das Innere eines Hundes schauen und ganz genau erkennen, was dort in Wirklichkeit vor sich geht. Diese Methode ist auch nicht ganz neu. Schon auf dem TT-Weltkongress 2005 hat Prof. Fischer von anderen Forschern aufgenommene Röntgenfilme von Schäferhunden, aber auch anderen Vierbeinern gezeigt.

 

Doch der eigentlich Clou liegt darin, alle genannten Untersuchungsmethoden per Computer zusammen zu führen zu einem „Echt-Modell“, sowohl in Echtzeit wie auch in jeder beliebigen Beschleunigung oder Verzögerung. Daher wird klar, dass das menschliche Auge bei Echtzeit-Bewegungen keine Chance hat zu einer vergleichbaren Bewegungsanalyse.

 

 

Ich will noch zwei weitere Untersuchungsmethoden der Biomechanik darlegen, wie sie zum Standard gehören. Auf einer Laufbahn werden Messplatten für Krafteinwirkungen ausgelegt und mit einem Laufteppich abgedeckt. Egal wer darüber läuft, es werden exakt die dort auftretenden Bodenreaktivkräfte gemessen, sowohl in ihrer Stärke wie auch in ihrem zeitlichen Ablauf. Über die entstehenden Messkurven erkennt man die Einwirkung des Gewichts genauso wie die reaktive Muskelkraft (tritt z.B. beim Aufprall des Fußes auf dem Boden in Erscheinung) und die aktive Muskelarbeit (z.B. beim Strecken des Beins für die Vorwärtsbewegung). Diese Messung der Bodenreaktivkräfte ist mit Sicherheit auch in Jena angewendet worden. Auch hier kann man die Ergebnisse mit den o.g. Methoden zusammen bringen und jedem einzelnen Bewegungsmoment zuordnen.

 

 

Modernste Digitaltechnik

 

Der gegenwärtige Höhepunkt der Mess- und Untersuchungsmethoden in der Biomechanik wird aber durch das Zusammenschalten einer großen Zahl von digitalen Fotoapparaten erreicht. Man „umstellt“ einen Bewegungsort mit Kameras dicht an dicht, dazu noch auf mehreren Höhen, und lässt dort eine spezifische Bewegung ausführen, z.B. einen akrobatischen Sprung – Salto rw. mit eineinhalbfacher Schraube und Beinschere. Die Computerauswertung führt nun alle gemachten Fotos zusammen zu einer dreidimensionalen Wiedergabe der Bewegung, die man in jeder beliebigen Geschwindigkeit und aus jeder beliebigen Perspektive ansehen kann.

 

Markerdaten sorgen dafür, dass man nun auch hier die genauen Geschwindigkeiten und Kraftimpulse an den verschiedenen Körperstellen erkennen kann. Und über Röntgenaufnahmen des „Untersuchungsobjekts“ kann man nun das gesamte Skelett virtuell produzieren und mit den anderen Aufnahmen koordinieren. So entsteht auch ein Bewegungsmodell des Skeletts! Wir können also sehen, was gleichzeitig innen wie außen passiert.

 

 

Bewegungssystem als Ganzes

 

Zum Abschluss meiner Darstellung zur Biomechanik im allgemeinen fehlt nur noch ein Aspekt. Biomechanik untersucht zuerst immer ein biologisches System als Ganzes, erst danach geht es darum, in welcher Weise die „Einzelteile“ an der Gesamtbewegung beteiligt sind. Daraus ergibt sich ein ganz einfacher Merksatz. Wenn ein „Bewegungssystem“ als Ganzes einwandfrei funktioniert, dann sind auch die Einzelteile einwandfrei. Es kann also nicht dazu kommen, dass ein Zuchtrichter einem TT ein ausgezeichnetes Gangwerk attestiert (Formwertnote V1), er aber eine zu steile Hinterhand bemängelt. (Bei einer Ausstellung in Rheinberg über meinen Sammie).

 

Mal ganz davon abgesehen, dass mäßige Winkelungen wohl typisch für originale TT sind: Ein solcher Zuchtrichter hat keine Ahnung von Biomechanik (obwohl zu diesem Zeitpunkt die wichtigsten Ergebnisse der Uni Jena bereits bekannt waren). Ein typisches Beispiel dafür, dass selbst Zuchtrichter unfähig sind, sich über die neusten Erkenntnisse der Kynologie zu informieren und diese in ihre Beurteilung aufzunehmen. Statt dessen werden überkommene „Lehren“ wiedergekäut!

 

 

 

 

Das Gangwerk des Tibet Terriers

 

 

Doch nun sollen die eher theoretischen Betrachtungen der Biomechanik in die konkrete Bewegungsanalyse des Gangwerks beim TT überführt werden. Die folgenden systematisch vorgehenden Beschreibungen simulieren die Betrachtung, die ein Zuchtrichter in nur wenigen Sekunden bei einem TT anbringen muss. Ich orientiere mich dabei in erster Linie an einem Foto von Hero-Chad, dessen Gangwerk mich immer wieder begeistert. Durch Zufall habe ich hier einen Moment erwischt, an dem man die wichtigsten Aspekte der Bewegung gut erläutern kann.

 

 

Allgemeiner Eindruck von der Seite

 

Zur Beurteilung des Gangwerks dient zunächst die Beobachtung von der Seite, um sich einen allgemeinen Eindruck zu verschaffen. Ein Wertungsrichter muss dabei Tempoauswüchse des Hundeführers unterbinden, weil ein zu hohes Tempo (lt. Pat Noujaim, Verfasserin des gegenwärtigen F.C.I.-Standards des Tibet Terriers: „Hochgeschwindigkeitstibis“) eine Beurteilung erschwert bzw. unmöglich macht. Aus den Forderungen des Standards heraus leitet sich zudem eine harmonische, fließende, mühelos erscheinende Bewegung ab. Jedes Abweichen von diesem Eindruck, z.B. ein übertrieben wirkender Einsatz der Läufe oder ein „ruckelnder oder stockender“ Ablauf, deutet auf Mängel hin.

 

 

Hub

 

Chad

Chad in idealer Trabposition

Der TT gehört laut den Forschungen der Uni Jena zu den Hunden mit der geringsten Vertikalbewegung im Körper. Widerrist und Kruppe müssen sich dabei gleichmäßig und mit nur sehr geringem Hub bewegen. Chad befindet sich im Foto am höchsten Hub des Körpers in einem kurzen Moment des Schwebens. Das kann man besonders gut an der vordersten Pfote erkennen. Die befindet sich, schätzungsweise, drei bis vier cm über dem Boden. Höher ist der Hub im gesamten Körper nicht!

 

Freckels

Auch Freckels mit einem ausgezeichneten Gangwerk

 

 

 

Schon an dieser Stelle könnte man – nicht bei Chad – vor allem in der Hinterhand ein auffälliges „Federn“ erkennen. „Fliegende Röckchen“ sehen spektakulär aus, sind aber kein Merkmal eines guten, Energie sparenden Gangwerks! Bei Chad aber ist alles in Ordnung.

 

 

Einschub:

 

Schon in meinen Anfängen mit dem TT machte ich zum Gangwerk als Ganzes eine erstaunliche Beobachtung. Bei der „fließenden“ Vorwärtsbewegung werden die Läufe insgesamt äußerst „sparsam“ eingesetzt. Es scheint, als „schleiften“ die Pfoten bei fast ständig gestreckten Läufen nur knapp über dem Boden entlang. Weder im Knie- noch im Sprunggelenk, ebenso wenig im Ellbogen und „Handgelenk“ sind Beugungsbewegungen eindeutig zu erkennen. Ausnahme: Beim Abfußen der Vorderpfote (siehe auch Chad) rollt sich das „Handgelenk“ etwas nach hinten auf, aber die Pfote wird kurz darauf wieder gestreckt nach vorne geführt.

 

Aus meinen biomechanischen Vorkenntnissen wurde mir schnell klar, hier eine außergewöhnlich effiziente, Energie sparende Gangart zu sehen. Vergleichbares hatte ich bis dahin bei keiner anderen Hunderasse beobachten können. Nur nordische Grauwölfe, so stellte ich später fest, zeigen beim Anmarsch auf ihr Jagdgebiet eine ähnlich Energie sparende Gangart. So ein Anmarsch kann in den arktischen Gefilden schon mal 70 km lang sein. Und dann erst kommt die eigentliche Jagd! Wer hier schon vorher ermüdet ist, hat keine Aussicht auf eine Mahlzeit.

 

Damit ist klar: Eine Energie effiziente Bewegungsform (immer im Bezug auf die jeweiligen Umwelt- und Lebensanforderungen) gehört zu den stärksten Selektionsmechanismen der Evolution überhaupt.

 

Je geringer der Energieverbrauch eines Lebewesens, desto erfolgreicher ist es. Bei allen Raubtieren, z.B. bei Hunden und Katzen, findet eine ständige Abschätzung zwischen Energieaufwand und Energieertrag statt. In Fall unserer Tibet Terrier ist aber auch die Zuchtauswahl der Menschen eine entscheidende Größe. Denn ein Hütehund in Tibet musste eine hohe Ausdauerleistung unter schwierigsten Bedingungen (wenig Sauerstoff im Hochland über 4550 m) zeigen.

 

Auch „mein biomechanischer Blick“ auf das Gangwerk unseres TT ist geprägt durch die Beurteilung der Energieeffizienz, – genauso wie bei den Forschungsarbeiten der Uni Jena.

 

 

Die F.C.I.-Standardformulierung des TT für dessen Gangwerk ist ein Paradebeispiel für die Formulierung einer energetisch hoch effizienten Bewegung. Ich zitiere hier die ausdrücklich von Pat Noujaim, der Autorin des neuen Standards, hervorgehobenen Begriffe wie „balanced without exaggeration ( ausbalanciert ohne Übertreibung)“, „smooth (fließend, geschmeidig)“, „effortless (mühelos) stride (hier gemeint wohl: Vorwärtsschritt)“, „reach“ (Reichweite) und „drive“ (Vorwärtstempo).
Aus den Bewegungsanalysen der Tibet Terrier von Professor Fischer korrespondieren dessen Feststellungen, dass der TT zu den Hunden mit dem geringsten Hub des Schwerpunkts gehören und dass seine mittlere Schrittlänge im energetisch günstigsten Bereich arbeitet, mit den Festlegungen des Standards (u.a. effortless stride, reach, drive).

 

Aber erst durch die Betrachtung unseres Tibet Terriers wurde mir klar, wie schrecklich verdorben etliche Hunderassen in ihrer Bewegung sind.

 

 

 

Fortsetzung Betrachtung der Seitenansicht

 

Von der Seite her sind zwei weitere Beobachtungspunkte noch wichtig. Die Vorderpfote, so die Ergebnisse in Jena, sollte auf einem Punkt senkrecht unter den Ohren aufsetzen.(Ob das jeder Zuchtrichter so beobachtet, dafür will ich mich nicht verbürgen. Es entspricht aber der Berechnung der Uni Jena für den energetisch günstigsten Einsatz der Vorderpfote. Dieser Punkt stimmt auch überein mit dem Bewegungsablauf bei den im Projekt beobachteten Tibet Terriern). Ein Aufsatz der Pfote vor oder hinter diesem Punkt ist aus biomechanischen Gründen (Energiebilanz), die ich später noch erläutere, nachteilig. Außerdem darf die Pfote nicht übertrieben hoch nach vorne geführt werden. Es muss so aussehen, als schleife sie beinahe über den Boden. Bei Chad sehen wir die in der Luft schwebende gestreckte Vorderpfote noch etwas vor diesem „Ohrenpunkt“. Aber der Bodenkontakt erfolgt wegen der Vorwärtsbewegung des Körpers bei ihm exakt senkrecht unter den Ohren.

 

Der zweite Punkt ist das „Zusammentreffen“ der abfußenden Vorderpfote (am Ende der Bewegung nach hinten) mit der nach vorn aufsetzenden Hinterpfote der gleichen Seite. Bei zügigem Tempo sollte die Hinterpfote in das Trittsiegel der Vorderpfote treten. Bei Normaltempo und aus der Seitenansicht ist allerdings nur schwer zu erkennen, ob das so geschieht oder die Hinterpfote sogar etwas seitlich nach innen oder außen versetzt geführt wird. Bei U’Batang-Lamleh von Nama-schu konnte ich selbst auf dem Zeitlupenvideo auf der Buch-DVD diese Frage nicht zu 100% klären.

 

 

Geschultes Auge

 

Dazu habe ich dann Prof. Fischer persönlich angerufen. Sein geschultes Auge aber entschied in der Sache: Batangs Hinterpfote bleibt in der Spur (siehe nächsten Abschnitt) und tritt knapp hinter die Vorderpfote. Das hatte ich eigentlich auch erwartet, denn ansonsten wären Pendelbewegungen im Hinterteil oder die „fliegenden Röckchen“ sichtbar geworden. Aber diese kleine Unklarheit über die Koordination der Hinter- und Vorderläufe zeigt, dass auch die Auswertung von Bewegungsvorgängen in Zeitlupe ein sehr geschultes Auge verlangt.

 

 

Paddeln, gleiche Spur und Federn

 

Die Sicht auf die Front und die Hinteransicht schließen die Beobachtung des Gangwerks ab. Von vorne sieht man, ob die Pfoten etwas seitlich ausschwingen, statt gerade nach vorn geführt zu werden. Diesen Fehler nennt man Paddeln. Von hinten sieht man den Abstand der Pfoten von einander. Die Pfoten der gleichen Seite sollten sich wie auf der gleichen Schiene bewegen, in gleicher Spur also. Wird die eine Hinterpfote zu nahe an der anderen vorbei geführt, fast sich berührend, dann wieder etwas nach außen geführt, liegt ein Mangel vor. „Federt“ das Hinterteil deutlich auf und ab, „fliegende Röckchen“ nenne ich das, liegt meistens der Fehler nicht hinten, sondern vorne in einem zu steilen Schulterwinkel vor. Der Winkel, so Jena, tendiert statt bei 90 Grad dann auf 120 Grad zu. Die Vorderpfote bewegt sich darum zu kurz nach vorne und zu weit nach hinten, die Hinterpfote weicht durch eine Aufwärtsbewegung aus.

 

Paddeln, enge Hinterläufe wie auch das „Federn“ im Hinterteil sind Bewegungen, die mehr Energie verlangen als die Idealbewegungen.

 

 

3. Teil

 

 

Schrittlänge und Energieeinsatz
Eine verbreitete, aber falsche Ansicht ist es, das starke Vorgreifen vor allem mit den vorderen Läufen als positiv für einen Energie reichen Vorschub einzuschätzen. Das sieht eventuell spektakulär aus, kostet aber sogar Energie. Und das kann man erklären.

 

 

Vorderhand – reaktive Bodenkräfte

 

Als Voraussetzung: Der Drehpunkt der Vorderläufe liegt im Schulterblatt etwas unterhalb des Widerrists. Die Biomechaniker aus Jena nennen diesen Punkt „Momentanpol“. Er liegt, logischerweise, auf der gleichen Höhe wie das Hüftgelenk, das wir als Drehpunkt der Hinterläufe sehen müssen. Beide Punkte liegen auf der gleicher Höhe, damit die Schrittlänge/der Schrittradius vorne und hinten gleich ist!

 

Der optimale Aufsetzpunkt der Vorderpfote nach den Bewegungsanalysen der Biomechaniker liegt also etwa senkrecht unter den Ohren. Am Foto ist erkennbar, dass die Pfote Hero-Chads dort im nächsten Moment aufsetzen wird. Dieser Punkt liegt noch vor dem Körper und darum geschieht zuerst ein Bremsstoß. Die Biomechaniker sprechen aber lieber von reaktiven Bodenkräften. Ein Teil dieser Kräfte geht nach oben, um den Körper wieder anzuheben. Ein größerer Teil der Bodenreaktivkräfte aber wird als Energie in den Bändern der Gelenke des Laufs gespeichert. Man kann sich gespannte Gummibänder als Beispiel vor Augen halten. Das sogenannte „Federn“ beim Hund kommt nicht aus Muskelarbeit, sondern aus den Gelenkbändern.

 

Erst wenn die Pfote senkrecht unter dem Schultergelenk angekommen ist, wird durch aktive Muskelkraft Vorschub erzeugt.
Aber weil der Weg vom Aufsetzpunkt (Ohr) zur Senkrechten unter dem Schultergelenk kurz genug ist, kann ein erheblicher Teil der in den Bändern gespeicherten Energie rechtzeitig mit für den Vorschub genutzt werden. Die in den Bändern gespeicherte Energie „entlädt“ sich im passenden Moment. Per Summe kann der Hund ca. 75% der für den gesamten Vorschub aufgewendeten Energie über die gespeicherten Bodenreaktionskräfte zurück gewinnen. Vorne haben diese Kräfte einen höheren Anteil als hinten, weil der vordere Teil des Körpers deutlich schwerer ist. Zwar findet sich in der Hinterhand der größere Anteil an aktiver Muskelkraft für den Vorschub, aber vorne ist die Gesamtsumme für den Vorschub aus aktiver Muskelkraft und Bodenreaktionskräften größer als hinten, so etwa im Verhältnis 3 zu 2.

 

 

 

Starker Vortritt?
Was aber passiert, wenn der Aufsetzpunkt der Vorderpfote weiter nach vorn wandert, deutlich vor der „Ohrensenkrechte“? Zunächst ist der Körper dadurch tiefer abgesackt. Gleichzeitig gerät der Bremsstoß natürlich größer. Durch den nun nötigen längeren Hubweg des Körpers geht mehr Energie verloren, die nicht mehr für den Vorschub genutzt werden kann. Aber schwerwiegender: Auf dem nun längeren Weg der Pfote unter das Schultergelenk verpufft ein weiterer Teil der gespeicherten Bodenreaktionskräfte ungenutzt, weil sie nicht rechtzeitig in den Vorschub einfließen können. Die in den Bändern gespeicherte Energie geht deswegen teilweise für die Vorwärtsbewegung verloren, weil der Zug auf die Bänder zu früh nachlässt.
Per Summe also heißt das, eine mittlere Schrittlänge führt zu einer optimalen Nutzung der für den Vorschub verfügbaren Energie aus den Bodenreaktivkräften. Ein längerer Schritt führt zu Energieverlusten. Das gilt für Vorder- wie auch Hinterhand.

 

Ein kürzerer Aufsetzpunkt nutzt die mögliche Energiegewinnung nicht optimal aus und beeinflusst den Gesamtablauf der Bewegung negativ.

 

Ein Indiz für den Energieverlust durch zu weiten Vortritt ist das deutlichere Anheben und Senken des Widerrists und auch der Kruppe in der Vorwärtsbewegung. Typisch für den fließenden, gleitenden Gang des TTs aber ist der sehr geringe Hub im gesamten Körper.

 

 

Muskeln und Kraftentfaltung
Was man von außen nicht sieht: Auch die Kräfteentfaltung der Muskulatur an den Läufen und die dort entstehenden Hebelwirkungen sind nur in einem mittleren Bereich optimal. Da es beim Menschen keine vergleichbaren Gelenkstellungen und -hebel gibt, wir bewegen uns aufrecht auf zwei Füßen und nicht auf vier Pfoten, wähle ich den indirekten Vergleich über unser Kniegelenk. Geht man aus der Senkrechten in eine 45-Grad-Hocke, dann hat man als gesunder Mensch keine Mühe sich wieder aufzurichten. Aber schon aus der waagrechten Oberschenkelstellung wird das deutlich mühsamer – und erst recht, wenn man in eine noch tiefere Hocke geht. Die Kraftentfaltung über den ungünstigen Kniewinkel ist deutlich schwieriger. Der Winkel, unter dem ein Muskel arbeitet, ist entscheidend für die Kraftentfaltung.

 

 

Schrittlänge Hinterhand, bestimmende Faktoren

 

In einer Diskussion über Gangwerkfehler von TT fand ich, wie anfangs schon erwähnt, die Behauptung vertreten, die Ursache für einen zu kurzen Schritt auf der Hinterhand läge im Umstand, dass der Unterschenkel bei dem gezeigten TT kürzer sei als der Oberschenkel. Dahinter steckt auch die Auffassung, der längere Unterschenkel sei ein typisch tibetisches Merkmal unserer Hunde. Dass das sowohl aus historischer wie biomechanischer Sicht nicht sein kann, habe ich bereits in einem der voraus gegangenen Abschnitte dargelegt. Welche Faktoren aber bestimmen dann die Schrittlänge der Hinterhand nun tatsächlich?

 

 

 

Hinterhand – Stabslänge

 

Ausgangspunkt der Überlegung sind die Ergebnisse der Forschungen in Jena, nachdem die Bewegung der Hinterhand zu weit über 90% im Hüftgelenk erfolgt. Knie- und Sprunggelenk sind daran nur im geringen Umfang beteiligt. Selbst ein versteiftes Kniegelenk macht sich dadurch im Gang des Hundes kaum bemerkbar. Darum kann man sich die Hinterhand theoretisch als einen geraden, im Prinzip steifen, aber insgesamt etwas flexiblen Stab vom Hüftgelenk bis zum Pfotenauftritt vorstellen. Die Länge dieses Stabes ist der erste bestimmende Faktor für die Schrittlänge. (Diese Voraussetzungen sind bereits 2005 im KTR-Reporter als Wiedergabe von Vorträgen des Professors dargelegt worden). Die Proportionen des Ober- und Unterschenkels haben hier keinen Einfluss auf die Schrittlänge.

 

 

Hüftgelenk

 

Beim zweiten Faktor, der die Schrittlänge ausmacht, handelt es sich um den anatomischen Bewegungsspielraum, den das Hüftgelenk bietet. An den jeweiligen Rändern wird diese Bewegung zunehmend blockiert und zwar nicht nur durch den Bau des Gelenks selber. Damit der Oberschenkelkopf nicht aus der Hüftpfanne ausgerenkt werden kann, wird das Gelenk durch ein System aus Bändern und speziellen Muskeln zusätzlich fixiert und geschützt. Vor allem im oberen Vorderschenkelmuskel gibt es Stränge, die reflexartig, also blitzschnell, auf Kräfte reagieren, die den Hinterlauf blockieren. Bleibt die Hinterpfote z.B. an einem Hindernis hängen (beim Menschen heißt das „Stolpern“), so könnte durch die Wucht des sich unkontrolliert vorwärts bewegenden Körpers das Hüftgelenk Gefahr laufen, ausgerenkt zu werden. Dem aber setzen spezielle Muskelstränge „blitzartig“ Kraft und Gegendruck entgegen, um beim Hängenbleiben den Druck auf das Hüftgelenk abzufangen.

 

 

Hebelansätze

 

Ein dritter Faktor ist der Ansatz der verschiedenen Muskelpartien an Ober- und Unterschenkel sowie der Pfote über die entsprechenden Bänder und Sehnen. Hier werden die Hebelverhältnisse festgelegt, mit denen das Skelett der Hinterpfote bewegt wird. Schon Millimeter unterschiedliche Ansätze verändern die Hebelverhältnisse erheblich und wirken sich entsprechend auf die Schrittlänge aus.

 

 

Muskulatur

 

Beim vierten Faktor handelt es sich um die Beschaffenheit der Muskulatur selber. Eine gut ausgeprägte, trainierte Muskulatur verlängert Schrittlänge und Krafteinsatz der Hinterhand – und umgekehrt. Genauer aber muss man sagen: Verlängert wird die Schwebephase des Gangs. Genetisch veranlagt ist zudem die Zusammensetzung der Muskelzellen. Vom Grundsatz her setzt sich ein Muskel aus längs gestreiften und quer gestreiften Muskelfasern zusammen. Die längs gestreiften sind für die Ausdauer zuständig, die quer gestreiften für die Schnellkraft. Wie beim Menschen so differiert auch beim Hund das Verhältnis der Muskelfasern individuell erheblich.

 

 

Koordination

 

Als fünfter Faktor müssen die für die Bewegung zuständigen Koordinierungssysteme im Gehirn des Hundes aufgeführt werden. Den meisten Betrachtern des Gangwerks ist diese wichtige Ebene nicht einmal bekannt! Zwar ist einem Hund, wie auch dem Menschen, das Laufen angeboren. Die Grundmuster für die Koordinierung der Bewegung finden sich beim Menschen im Hirnanhang. Aber die tatsächliche Form und Qualität des Laufens entwickelt sich erst im Laufe des Wachstums in Wechselwirkung mit den tatsächlich gestellten Anforderungen an das Laufen. Beim Menschen dauert es, bedingt durch das Wachstum, mindestens 12 Jahre, bis der aufrechte Gang vollständig unter Kontrolle und entsprechend effektiv ist. Die Qualität des Laufens aber hängt ganz wesentlich auch mit der in dieser Zeit erfolgten Lauf- und Bewegungsschulung zusammen.

 

 

Bei Hunden lautet die Faustformel: Das korrekte Gangwerk des Hundes entfaltet sich in seiner Möglichkeit zur freien Bewegung. Die Entwicklung des Gangwerks erfolgt natürlich viel schneller als beim Menschen. Aber wer seinem Hund die Möglichkeit gibt, sich unter verschiedenen Anforderungen und Belastungen frei zu bewegen, sorgt dafür, dass sich seine natürlichen Bewegungsveranlagungen bestens ausprägen können.

 

 

Beim Menschen wissen wir, dass sich die über die bloßen, veranlagten Bewegungsmuster hinaus gehenden Bewegungen in einem „höheren“ Gehirnareal zu einem neuen Bewegungsmuster entwickeln, das durch Wiederholung automatisiert wird. Ein Stabhochsprung in der Leichtathletik hat z.B. nur noch wenig mit natürlichen Bewegungsmustern zu tun. Die notwendige Kombination natürlicher Einzelbewegung zu dieser Gesamttechnik entsteht als künstlich an trainiertes Bewegungsmuster, das in verschiedenen Phasen sogar gegen das natürliche Bewegungsgefühl läuft. Auf diese Weise entsteht ein weitgehend neues Bewegungsmuster.

 

Beim Hund nehme ich an, dass die Grundgangarten sich im Wesentlichen aus den genetisch bedingten Grundmustern der Bewegung entwickeln und sich durch Übung optimieren. Aber wir wissen auch, dass man Hunde ganz andere Bewegungen an trainieren kann. Man muss sich nur mal eine Hundenummer im Zirkus anschauen. Auch beim Dogdance oder Trickdogging z.B. werden zunächst ganz natürliche Bewegungen verlangt, die neu kombiniert werden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man dabei durch eine „unnatürliche Kombination“ der Bewegungen ganz neue Bewegungsmuster in einem „höheren“ Gehirnspeicher erzeugt.

 

Am Ende lässt sich sagen, dass die Schrittlänge eines jeden Hundes durch individuelle Faktoren bestimmt werden. Aber ob kürzer oder länger, wenn alle Faktoren zu einer harmonischen, fließenden Bewegung zusammen finden, ist das Gangwerk korrekt. Dann spielt nur noch das ästhetische Gefühl des beurteilenden Betrachters eine entscheidende Rolle. Und hier wird behauptet, dass größere TT im Ring eleganter aussehen. Das dürfte ein entscheidender Grund sein für das Größenwachstum vor allem der TT-Rüden in den letzten zwei Jahrzehnten.

 

 

4. Teil

 

Zum Abschluss: Winkelungen
Wenn ich vorher dargelegt habe, dass die Winkelung im Kniegelenk unter biomechanischen Gesichtspunkten eher eine zu vernachlässigende Bedeutung für die Vorwärtsbewegung hat, so gibt es dennoch Hinweise, dass eine starke Winkelung Nachteile mit sich bringt. Dazu muss man sich das Kniegelenk ansehen. Vom großen vorderen Muskel am Oberschenkel aus, beim Menschen heißt dieser Quadrizeps, führt eine starke Sehne vorne über das Kniegelenk und führt zu einem Ansatzpunkt unter dem Kniegelenk am Schienbein des Unterschenkels. Damit die Kraftübertragung nicht gar so ungünstig ist, findet sich oberhalb des Kniegelenks die Patella, die Kniescheibe. Sie hebt die Sehne an bzw. lenkt die Sehne um und sorgt für einen etwas günstigeren Winkel am Schienbeinansatz. Die Patella gleitet auf einer glatten Knorpelfläche.
Je stärker aber der Kniewinkel ist, desto ungünstiger wird die Kraftübertragung und mit desto größerer Spannung drückt die Patella oberhalb des Gelenks auf die Knorpelunterlage. Es entsteht zwangsläufig eine größere Reibung. Aus dieser Reibung heraus ist eine größere Gefahr für die Entstehung von Arthrose an den Patella-Knorpeln abzuleiten. Außerdem haben wir durch diese Reibung höhere Energieverluste sowohl bei den Bodenreaktionskräften wie bei aktiver Muskelkraft zu erwarten.

 

Warum stehen dann aber, nicht nur beim Hund, die Ober- und Unterschenkel im Knie in einem Winkel statt senkrecht aufeinander? Damit auf diese Weise die Bodenreaktivkräfte besser im Bandapparat gespeichert und wieder gewonnen werden können. Je steiler aufeinander, desto schlechter die Speicherung, weil Energie über die Knochen gleichsam nutzlos reflektiert, also nach oben abgeleitet wird.

 

 

(Beim aufrechten Gang des Menschen sind die Bedingungen anders. Allein 37% der Bodenreaktivkräfte werden über die Achillessehne gespeichert, der andere Teil wird über die Beugungen im Knie und in der Hüfte (das Absinken in die Bänder beim Bodenkontakt) wiedergewonnen. Auch der Mensch gewinnt so über die Bodenreaktivkräfte bis zu 70% der für den Vorschub aufgewendeten Energie zurück.)

 

Allerdings: Meines Wissens hat es bisher keine Untersuchungen beim Tibet Terrier gegeben, die einen Zusammenhang zwischen Arthrose und Winkelungen im Knie herzustellen versuchten. Die von mir geäußerten Vermutungen ergeben sich aber aus individuellen Erfahrungen von Züchtern und den aus der Funktion des Kniegelenks in der Hinterhand sich ergebenden Belastungen.
Ich gehe davon aus, dass eine mäßige Winkelung im Knie weniger anfällig ist. Aber ob diese mäßige Winkelung ein ursprüngliches TT-Merkmal ist, das will ich nicht behaupten, sondern gehe eher davon aus, dass die Ursprungs-TT hier eine größere genetische Bandbreite mitgebracht haben. Aber bezeichnend ist für mich in dieser Frage immer noch die klare Aussage des slowenischen Züchters und F.C.I.- Zuchtrichters Primus Peer. Er hat bisher neben dem Rüden Kanze noch 12 weitere Originaltibeter importiert und dabei einige ausgiebige Expeditionen durch Tibet hinter sich gebracht. Er betont, dass sich die dabei von ihm beobachteten Apso-Hunde durch mäßige Winkelungen ausgezeichnet haben.

 

 

Damit bin ich vorläufig am Ende meiner Darstellung und hoffe, zum Verständnis des Gangwerks unserer Hunde einiges beigetragen zu haben. Natürlich stehe ich zu jeder Diskussion und Frage zur Verfügung.

 

 

A.K.

 

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