Mongolenmeute

Backstage „Gut behütet“!

Backstage: „Gut behütet!“ So wird ein Theaterstück draus!

Ein Blick hinter die Kulissen und in die Proberäume des „Clubs 55plus“ beim Landestheater Burghofbühne Dinslaken.

Premiere am 30. November in der Remise. Beginn 18.00 Uhr; Eintritt 8.00 € für Erwachsene

„Wie, wir bekommen keinen Text?“ Das ist das erste markante Wort, an das ich mich in den ersten Proben des „Clubs 55plus“ erinnere. Gerade hat Adele Bernard, Leiterin der Proben, Regisseurin, Schauspielerin, Künstlerin, also einziger Profi unter uns Laiendarstellern, versucht uns behutsam beizubringen, dass wir nicht mit einem fertigen Textbuch ausgestattet werden, sondern das vor uns liegende Theaterstückk selber „schreiben“ müssten, wenigstens weitgehend.

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Die Wagner Familie noch friedlich. von links: Addi mit Stetson, davor Tina, seine Frau. Daneben das turtelnde Paar Karl und Jaqueline. Paul im karierten Hemd, dann strenge Brille Hildegard, mondäner Hut Gaby und, ziemlich reserviert, Waldemar. Mit Boa: Mamma Anna!

Geahnt hatten wir das schon, was aber nichts daran änderte, dass die meisten ziemlich entgeistert waren. Wir, das waren Conny und dann 8 Darsteller, die durch Walter Spethmanns „Schule“ gegangen, an seine Arbeitsweise gewohnt waren und im Jahr 2013 das Stück von Tankred Dorst „Ich bin nur vorübergehend hier“ auf die Bühne der Kathrin-Türks-Halle gebracht haben. Und das erste, was wir damals nach dem Casting erhielten, war ein dickes Textbuch, in dem unsere reichlich umfangreichen Text-Rollen in Walters Bearbeitung zu lernen waren.

Unser eigener Beitrag bestand in den dann kommenden Monaten bestenfalls in Streichungen einiger Textpassagen, die nicht in den Zeitrahmen passten! Der Text war für uns ein Korsett: Ziemlich unflexibel, aber ein fester Halt. Am Text entlang entfalteten wir unsere Rollen, für die wir gecastet worden waren, entwickelten Intonation und Spielweise und erarbeiteten die Kommunikation im Theaterstück mit den anderen Darstellern. Stichwort für Stichwort, Laufwege an Markierungen auf dem Bühenboden, oft fast auf den Meter genau kalkuliert. Dazu Gruppenfiguren, Monologe und Medieneinsatz. Und dann ein rauschendes Fest in der Theaterhalle!

Probenvorbereitungen

Probenvorbereitungen

Und nun das! Selber den Text zum Theaterstück schreiben? Geht das überhaupt? Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Geschichte „erfunden“ noch gar eine fiktive Person darin entwickelt. In meinem Beruf waren Kreativität und Phantasie nicht gefragt, weil nicht benotbar. Und nun sollte ich, sollten wir alle, ran, von nix auf hundert! Aber waren wir nicht genau deswegen zur Bürgerbühne im Landestheaer gegangen?

Wer im fortgeschrittenen Alter zum Theater strebt, hat keine Karriere im Auge, sondern will was erleben. Und ein Stück selber zu schreiben und zu erarbeiten, was kann beim Theater ein größeres Erlebnis sein?

Jaqueline will unbedingt auch in Australien Weihnachten feiern, wo doch auch gerade in Krefeld Weihnachtsmarkt ist. Vielleicht schneit es hier auch noch..!

Jaqueline will unbedingt auch in Australien Weihnachten feiern, wo doch auch gerade in Krefeld Weihnachtsmarkt ist. Vielleicht schneit es hier auch noch..!

Und siehe da! Nur ganz wenige Vorgaben für den Plot des Stücks und einige Eingriffe Adeles in die Entwicklung des Stücks waren nötig, um das Personengefüge des Stücks und den groben Ablauf der Handlung zu klären. Und ebenso nur ganz wenige weitere Vorgaben, um die darin spielenden Figuren zu entwickeln. Man kann fast sagen, dass die Figuren und ein Teil der Handlung so etwas wie ein Eigenleben entwickelten!

Ich kann das natürlich in erster Linie nur an meiner eigenen Figur verdeutlichen, die sinnigerweise „Addi“ heißt. Wer von den Mitspielern „ehemaliger Bordellbesitzer“ einwarf, will ich nicht verraten, aber sofort kam „Pistolen Addi“ von mir hinterher. Denn in diesem Metier muss man „wehrhaft“ sein. Und weil Regina, die als Tina Addis Ehefrau darstellt, darauf bestand „reich“ zu sein – wenigstens einmal im Leben reich sein, auch wenn es nur im Theaterstück ist – forderten diese Festlegungen dazu auf erfüllt zu werden.

Paul: Eigentlich ganz anders als die anderen!

Paul: Eigentlich ganz anders als die anderen!

Tina und Waldemar

Tina und Waldemar

Nun, in Duisburg, wo das Bordell oder die entsprechende Kneipe verortet sein sollte, winkten zig Millionen aus diversen Immobilienskandalen, bei denen Addi sich hätte bedienen können.

Skandale, an denen sich die Staatsanwälte sicherlich noch etliche Jahre abarbeiten werden. Ich musste für Addi lediglich ein mafiöses Kumpelnetzwerk erdenken, dessen Informanten an den richtigen Stellschrauben drehen konnten.

 

Auch für „Pistolen-Addi“ brauchte es eine Erklärung – in Gestalt einer Schutzgelderpresser-Gang, die von Addi nachhaltig mit dem entsprechendem Werkzeug aufgefordert wurde, ihren Aktionsbereich sehr weit außerhalb der Duisburger Landschaften zu verlagern. Addi hat den Gebrauch eines 8 Magaziners nie bestätigt, aber auch nie dementiert!

Streitende Schwestern Gaby und Hildegard

Streitende Schwestern Gaby und Hildegard

Doch diese Bordellgeschichte und Pistolenstory gerieten ziemlich kompliziert und waren nicht spielbar – und das Bordell hatte mich von Anfang an gestört. Also musste gestrichen und reduziert werden auf einen Kneipenbesitzer und Selfmade-Man, der schließlich so richtig „Kohle“ hat machen können. Doch wie das bei einer Kneipe in Duisburg möglich ist, das wird nicht erklärt, sondern der Phantasie des Zuschauers überlassen. Das ist auch etwas, was ich in dieser Zeit gelernt habe: Statt alles Haarklein darzulegen wie in meinen Sachbüchern ging es jetzt darum, „Lücken“ zu lassen, um der Phantasie des Zuschauers Chancen zu geben.

Tina konzentriert

Tina konzentriert

Doch alle Figuren des Stücks wurden nicht hauptsächlich auf dem Papier entwickel, sondern in spontanen Spielaufgaben und „Dialogschlachten“ während der Proben. In diesen wechselnden Übungen und Konstellationen entwickelten sich die Figuren nicht eindimensional, sondern erhielten ihre Facetten auch durch die Sichtweise ihres Gegenübers. Ich glaube, das waren spannende Momente, in denen man erkannte, dass es funktionierte, „ohne Text“!

"Pärchen" Jaqueline und Karl (Charlie)

„Pärchen“ Jaqueline und Karl (Charlie)

So entstand mit Addi der älteste und gleichzeitig Lieblingsohn von „Mamma Anna“, einer ihrer 6 Kinder. Dabei steht Addi in einem heftigen Konfliktverhältnis zum jüngsten Bruder Waldemar. Addi ist nicht nur ein Selfmade-Man, sondern auch ein harscher Bollerkopp, der es spüren lässt, wenn er jemanden für ein Weichei und einen Warmduscher hält. Aber seiner Frau Tina vertraut Addi blind, und das hat Gründe. Aber an ihm reiben sich die einen Geschwister, andere verbünden sich mit ihm.

Die Schwarzbühne in Übersicht. Raumkonstellationen und Adele in Aktion!

Die Schwarzbühne in Übersicht. Raumkonstellationen und Adele in Aktion!

Eine solche Figur wäre langweilig, wenn sie nicht deutliche Brüche aufweisen würde. Und das gilt für alle Figuren, die wir im vergangen halben Jahr in den Proben entwickelt haben. Aber das ist ein Thema für das Stück, zu dem wir alle euch natürlich herzlich einladen.

Mamma Anna mit Sohn Paul

Mamma Anna mit Sohn Paul

Fotos aus Proben zu zeigen, ist eine heikle Sache. Proben sind eine sehr „intime“ Angelegenheit, in der sich die Darsteller „unverhüllt“ zeigen. Darum habe ich nur einige wenige Aufnahmen aus der „Schwarzbühne“ ausgewählt, das ist eine schnuckelige, kleine Probebühne im Tenterhof, dem Domizil des Landestheaters. In dieser kleinen Bühne lassen sich die Raumkonstellationen und Bewegungen erarbeiten, die dann in die Remise umgesetzt werden müssen.

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