Mongolenmeute

Geschichten

Erschienen: Mai 2012, Kynos Verlag

Erschienen: Frühjahr 2012 – Kynos Verlag

Ein Buch setzt der überbordenden Fülle an Stoff und Phantasie enge Grenzen. Das gilt auch für „Unser Hund – Der Tibet Terrier“. Grenze hieß hier: 160 Seiten Text einschließlich aller Fotos und notwendiger Nachweise. Mein erstes Manuskript aber besaß gleich den dreifachen Umfang der erlaubten Seiten!

(Zur Vergrößerung alle Fotos anklicken! Auf diesem Front-Foto hier sieht man den Tibetimport Gyantso, der von Primoz Peer im Jahr 2007 nach Slowenien geholt worden ist. Gyantso lebt in der Familie von Natascha Cook. Auf dem Rückcover finden sich zwei Fotos vom Mülheimer Uhlenhorst. Nur den schwarzen Than-ju kenne ich vom Namen her.)

Jeder kann sich darum vorstellen, was ich alles habe „opfern“ müssen, um die Vorgabe von 160 Seiten doch einzuhalten. Eine solche Form der Textbearbeitung aber ist mir durchaus vertraut und ich weiß, dass das Ergebnis einer solchen Bearbeitung nicht zwangsläufig schlechter sein muss als der ursprüngliche Entwurf. Denn durch Weglassen, aber vor allem auch Verkürzen, Verdichten und Zusammenfassen kommt oft der eigentliche Kern einer Sache deutlicher hervor. Und ich glaube, das ist auch bei diesem Buch gelungen.

Dennoch war das „Weglassen“ manches Mal schmerzhaft. Ich habe hier ein ganzes Kapitel „geopfert“, das mir vom Thema her eigentlich sehr am Herzen gelegen hat, aber nicht zum Kernbereich des eigentlichen Buchthemas gehörte. Und mit insgesamt 16 vollen Buchseiten war das doch ein dicker Brocken Hilfe auf dem Weg, das Seitenlimit einzuhalten, wie mir der Verlag –  ziemlich diplomatisch allerdings –  nahe gelegt hat.

Ich nutze darum diese Webseiten, um den interessierten Lesern das Kapitel doch noch zugänglich zu machen. Aber 16 potenzielle Buchseiten sind gehörig lang. Das sei als „Warnung“ vorweg gesagt.

(Man kann zu diesem Beitrag Kommentare schreiben: Gehe auf die Seite „Aktuelles“, dort findet sich am Ende die Kommentarfunktion!)

Kapitel 3 (Aus dem Ursprungsmanuskript)

Wie Menschen und Hunde nach Tibet kamen

Aus vielen Reaktionen auf mein erstes Buch über den Tibet Terrier weiß ich, dass die Leser nicht nur die Erlebnisse mit unseren Hunden schätzen, sondern auch die umfassenden Beschreibungen über Tibet, das Land und seine Leute, aber auch den besonderen Mythos, der mit dieser fernen Hochebene hinter den höchsten Gebirgsmassiven der Welt verbunden ist. Das ermutigt mich, auch diesmal ein Thema über Tibet selber einzubringen.

Tibetischer Teenager mit zwei Apso im Tragekorb. Sehen aus wie Tibet Spaniel.Foto: Strößner

Tibetischer Teenager mit zwei Apso im Tragekorb. Sehen aus wie Tibet Spaniel.
Foto: Strößner

Nun fragen sich vielleicht einige, warum erzählt er nicht etwas über das heutige Tibet? Doch dann müsste ich etwas über den Genozid an den tibetischen Menschen und ihrer Kultur durch die Chinesen berichten. Über Tibeter, die in ihrem eigenen Land nur noch zu Hilfsarbeitern und Tagelöhnern der  korrupten staatlichen Stellen und ihrer chinesischen Kolonisten taugen. Über chinesische Grenzsoldaten, die auf Kinder schießen, die nach Indien zum Dalai Lama und in die Dörfer seiner Schwester flüchten, um dort eine schulische Ausbildung zu bekommen, die ihre Eltern in Tibet nicht bezahlen können.

Junge im Amdo-WaisenhausFoto: Tadra

Junge im Amdo-Waisenhaus
Foto: Tadra

Sie würden vom Verbot hören, in den tibetischen Grundschulen die tibetische Sprache zu lehren, über die Vernichtung der historischen Gärten des Lu Khang durch die Bulldozer der Chinesen und das Anlegen von chinessichen Gärten auf eigentlich geheiligtem tibetischen Boden! Ich müsste schreiben über die Ausstellung tibetischer Kunst in Deutschland, in der Villa Hügel, durch die chinesische Regierung. Dabei aber handelt es sich um die von den Chinesen aus den tibetischen Klöstern und Tempeln geplünderten tibetischen Kulturschätze. Und Sie erfahren dann von willigen deutschen Helfershelfern, die das Verbot seitens der Chinesen, ein Gästebuch zu führen, sogar akzeptieren! (Es könnten ja unliebsame Eintragungen von den Museumsbesuchern vorgenommen werden!)

Und ich müsste Ihnen von der unsäglichen, allgegenwärtigen Korruption der chinesischen  Behörden in Tibet berichten – und von den zunehmenden Selbstverbrennungen junger Tibeter aus Protest gegen die Verweigerung der Selbstbestimmung Tibets durch den chinesischen Staat. Schon 80 junge Menschen haben auf diese Weise ihr Leben geopfert. Am Ende könnte es geschehen wie einer Tibet reisenden Hundefreundin, die mir telefonisch folgendes sagte: Ich bin nach Tibet gereist mit dem festen Willen, das Leben dort vorurteilsfrei zu betrachten. Ich komme wieder mit einem unsäglichen Hass auf die Chinesen!

Wollen Sie so etwas wirklich lesen – in einem Buch über tibetische Hunde? Nein, Hass will ich nicht säen. Darum weiche ich aus in die Geschichte.

Mädchen aus AmdoFoto: Tadra

Mädchen aus Amdo
Foto: Tadra

Wenn Sie sich wirklich für das heutige Tibet interessieren, dann empfehle ich Ihnen, sich für das Tadra-Projekt zu engagieren, das Kinderdörfer für Waisen in den tibetischen Provinzen Kham und Amdo gebaut hat, unterhält und betreut. Lobsang Palden Tawo, als Tibeter geboren und einer der Väter dieses Projekts, haben Sie schon im Zusammenhang mit dem Namen „Lamleh“ im ersten Kapitel (in der gedruckten Version des Buchs) kennen gelernt. Auf diesen Seiten unter  „Links“ finden Sie die Webseiten des Tadra-Projekts, mit deren Hilfe Sie dringend benötigte Spenden für die tibetischen Waisenkinder überweisen können. Und in diesem Kapitel finden Sie auch einige Fotos, die mir vom Tadra-Projekt schon bei anderen Gelegenheiten zur Verfügung gestellt worden sind.

Doch nun wende ich mich der weit gefassten Vergangenheit Tibets zu. Aber ich verspreche Ihnen, dass Sie etwas zu lesen bekommen, was Sie vorher ganz gewiss nicht in dieser Weise präsentiert gesehen und erfahren haben. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie auch nirgendwo etwas Vergleichbares finden. Für mich jedenfalls war diese Reise in die Vergangenheit und in die Regionen um den Himalaya und das Hochland von Tibet ein wirklich spannendes, vergnügliches Unternehmen.

Übrigens: Bis auf Uli Gelbrichs Buch als wichtige Quelle sind alle von mir verwendeten Quellen öffentlich zugänglich, wenn auch nicht immer leicht zu finden.

Die Schauplätze unserer Geschichte!

Das tibetische Hochland – Barriere Himalaya

Das tibetische Hochland ist unser Zielgebiet, in das Menschen und Hunde nur auf durchaus schwierige Weise gelangen können. Wer sich die teilweise unwirtliche Landschaft und isolierte Lage Tibets veranschaulichen will, der kann mit Google Earth eine bequeme, aber doch aufschlussreiche Reise in das extremste Hochland der Erde machen. Wir starten vom Golf von Bengalen aus nach Norden Richtung Bhutan und simulieren ein wenig die Situation der ersten Menschen, die tatsächlich vor mehr als 60 Tausend Jahren auf ihrem Weg durch Indien „vorbei gekommen“ sein müssen. Vor ihnen wie auch uns liegt das größte auf der Erde denkbare Hindernis, der Hauptkamm des höchsten Gebirges der Welt, des Himalaya.

Himalaya-Hochtal; Sicht auf den Hauptkamm von Norden herFoto: Tadra

Himalaya-Hochtal; Sicht auf den Hauptkamm von Norden her
Foto: Tadra

Wer glaubt angesichts dieser ungeheuren Barriere ernsthaft daran, dass die Steinzeitjäger und -sammler eine selbstmörderische Ader besessen und sich leichtfertig in diese lebensfeindliche Welt hinein gewagt hätten auf den Weg ins Nirgendwo? Was hätten sie dort jagen und sammeln sollen, was ihnen nicht in den großen Ebenen vor dem „Sitz der Götter“ „links und rechts“ üppig und leicht erreichbar vor die Speere, Fallgruben und Grabestöcke kam? Und so sind sie denn lange Zeit auch mit Sicherheit nicht nach Norden ins Hochland von Tibet, sondern schön „links“ und „rechts“ vorbei gezogen: Rechts Richtung Ostasien, China und Australien, links Richtung Altai und das weite Sibirien.

Himalaya-PasshöheFoto: Strößner

Himalaya-Passhöhe
Foto: Strößner

Selbst wenn es doch der eine oder andere aus Neugierde oder sonstigen Motiven gewagt hätte, – ich glaube nicht daran -, dann wäre er entweder schnell und lebend umgekehrt – oder ohne Nachfahren geblieben. Ich sage dazu immer: Sich selbst aus der Evolution nehmen!

Bei den Eiszeitmenschen war nichts mit „Ichfindung“ und „Grenzerfahrung sammeln“, das ist eine Marotte zivilisationsmüder Heutemenschen. Wobei ich nichts gegen Reinhold Messner habe, selbst wenn er hie und da mal schwülstig redet. Immerhin besaß er zwei Do Khyi und das entlastet ihn. Außerdem hat er meistens die Grenze zum Selbstmord respektiert und deswegen auch seine wildeste Zeit im Himalaya überlebt. Andere als Bergsteiger getarnte Psychojunkies sind statt dessen reihenweise umgekommen!

Die Eiszeitjäger waren überwiegend mit Überleben beschäftigt und mit ihrem am praktischen Leben orientierten Mythos. Der verlangte ihnen durchaus extreme Leistungen ab, aber keinen Selbstmordzug in die Berge!

Das Hochland

Virtuell haben wir es natürlich leichter. Wir „fliegen“ über den Hauptkamm des Himalaya, finden Lhasa und orientieren uns. Der Blick gleitet über zerklüftete Felsenwüsten und -steppen, wir schauen über die nordlichen Barrieren wie das Kun-lun-Gebirge ins Tarimbecken mit der Takla-Makan-Wüste, dem Lob-nor und der im Osten sich ebenfalls anschließenden Gobi-Wüste. Per Internet kann man in jedes Gebirgstal des Hochlandes hinein klettern und fast selber die Illusion der „Kora“, der Umrundung des 6714 m hohen Kailash mit der magischen Formel „Om mani padme hum“ – Oh du Kleinod in der Lotosblüte! – nachvollziehen. So anschaulich vermag kein herkömmlicher Atlas das Bild Tibets zu vermitteln.

Tempel in TibetFoto: Strößner

Tempel in Tibet
Foto: Strößner

Natürlich finden sich in allen Gebirgen Pässe, über die man zumindest im Sommer steigen kann. Diese Pässe zu erkunden und den Weg in die Länder hinter den Gebirgen zu finden haben die Tibeter keine Mühe und Anstrengung gescheut – später, von innen nach außen. Das machte Sinn und dazu hatten die Tibeter auch gewichtige Motive. Aber darauf werden wir zurück kommen.

Im Schnitt weist das tibetische Hochland einen Höhe von ca. 4500 m aus bei mehr als der fünffachen Fläche Deutschlands. Und dieses Hochland ist alles andere als ein Paradies! Wir finden zwar fruchtbares Bauernland und selbst Wald, aber das nur in einigen wenigen Regionen in Flusstälern wie dem Tsangpo, aber auch im Yarlung-Tal. Wenn wir bei Google Earth die passenden Fotos im Sommer abwarten, dann zeigen sich im Satellitenbild die begrenzten grünen, fruchtbaren Vegetationsflächen sehr deutlich – und dann sehen wir auch schon an der Farbe, wie sich die Landschaftsvegetation verändert, die Farben immer bräunlicher werden und die Lebensbedingungen der Menschen, zumindest der Ackerbauern, sich verschlechtern.

Himalaya-HochtalFoto: Tadra

Himalaya-Hochtal
Foto: Tadra

Vor allem im Nordwesten treffen wir auf Hochlandsteppe und trockene, felsige Gebirgslandschaft. Das ist der Chang-than mit einer West-Ost-Ausdehnung von etwa 1300 km! Der Süden des Chang-than ist – oder war – vor allem der Lebensraum der tibetischen Hirtennomaden. Übersehen wir aber nicht, dass es auch an den Hängen der Gebirgsbarrieren, auch des Himalaya, „Hochalmenbereiche“ gibt, die zu bestimmten Zeiten für Weidewirtschaft nutzbar sind.

Das Klima

Tibet wird oft „Schneeland“ genannt. Und durch die vorhandenen Schneedecke spielt dieses Hochland im globalen Klimageschehen ein wichtige Rolle. Doch in Wirklichkeit ist Tibet sehr trocken und die Schneefallgrenze liegt zwischen 4600 und 5800 Metern. Im Winter werden vor allem die Felsenwüsten und Hochsteppen mit eisigen Temperaturen und noch eisigeren Stürmen geplagt, im Sommer von Trockenheit gepeinigt. Das übliche Temperaturmaximum pendelt zwischen 25 Grad im Sommer und 40 Grad minus im Winter.

Reinhold Messner allerdings vergleicht das tibetische Klima mit dem der alpinen Almen in mehr als 2000 m Höhe. Das heißt aber auch: Das alpine Klima ist deutlich rauer als das tibetische! So kann man in den Alpen den tibetischen Yak schon auf  2000 m Höhe halten, wie es ein Tiroler Bauer unter Beratung Messners auch tatsächlich erfolgreich praktiziert! Der Grunzochse, auch Yak genannt, der in unserem Bewusstsein als ein typisch tibetisches Rind gilt, geht, weil er nicht Schwitzen kann, bei Temperaturen über 0 Grad Celsius zugrunde!

Das sind also die Bedingungen, dazu noch die dünne Luft bei Höhen zwischen 4000 und 5000 m, unter denen die tibetischen Viehnomaden leben müssen! Übrigens: Die Rinder der Tibeter sind Kreuzungen aus Yak und anderen Rassen und werden Djoris genannt. Reine Yak sind nur schwer zu halten und bringen auch nicht genügend Ertrag. Solche Yakkreuzlinge dienen auch als Pack- und Reittiere. In niedrigeren Steppenregionen des Hochlands haben die Nomaden aber auch – sehr spät – leistungsfähige Pferderassen gezüchtet. Nur der Vollständigkeit soll erwähnt werden, dass zum Tierbestand der Nomaden vor allem auch Hochlandschafe und –ziegen gehören.

Machen wir einen letzten Rundblick am Ende unserer Flugreise über Tibet und blicken dann Richtung Osten. Dabei kommt auch der Laie zur Erkenntnis: Ein halbwegs begehbarer Zugang zum Hochland, und der ist schon schlimm genug, findet sich nur im Nordosten und Osten, d.h. aus der Richtung der heute mongolischen Steppenregionen und aus China.

Das Tarimbecken – Sanddünenhölle

Dort wo Karakorum und Kun-lun-shan aufeinander stoßen, zwischen Khotan und Keriya, setzen wir unsere Google-Tour fort über das Tarimbecken mit der Takla Makan und dem Lob-nor. Schon schnell wird uns klar, warum diese Gegend heute eine der schlimmsten und lebensfeindlichsten Wüsteneien unserer Erde darstellt: Die Takla Makan ist nach der arabischen Rub al-Khali die zweitgrößte Sandwüste und das Schrecken erregende Meer der Sanddünen fast so groß wie Deutschland (Geo 07/08 ff). Mit den Bildern aus dem Weltraum können wir so nahe herunter gehen, dass wir uns zumindest einen anschaulichen Eindruck von dieser Sanddünenhölle verschaffen können, ohne das Leiden einer Durchquerung erleben zu müssen.

Hohe Bergketten schirmen das Tarim-Gebiet von Niederschlägen ab und im salzverkrusteten Becken des Lob-nor, im Kern ehemals ein Salzsee und etwa 52 Tausend Quadratkilometer groß, ist die Dürre am schlimmsten. Die Schmelzwasserflüsse, die aus den umliegenden Gebirgen herunter kommen und sich im Westen im Tarimfluss bündeln, versanden auf dem Weg nach Osten. Seit Jahrzehnten hat es hier nicht mehr geregnet! Im Winter sinken die Temperaturen bis auf minus 30 Grad Celsius, im Sommer steigen sie bis auf plus 50 Grad! Gewaltige Sandstürme, „Kara Buran“ genannt, toben über die Wüste hinweg, verändern ständig das Bild des Sanddünenmeers und schwärzen den Himmel.

Seidenstraße

Doch so lebensfeindlich und trostlos wie heute kennen wir das Tarimbecken erst seit ca. 1600 Jahren! Noch bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. reichten die Schmelzwasser des Tarimflusses bis zum Lob-Nor und bildeten dort ein weit verzweigtes Netz aus Strömen, Sümpfen, Schilfgürteln und Flussauen – ein Binnendelta wie heute das Okavango-Becken in Botswana. Und das Wasser nährte eine Reihe durch Handelsrouten verbundener Oasenstädte. Schon seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. bildete sich aus einer Zahl kleiner Netze vorhandener Handelswege ein zentraler Abschnitt der Seidenstraße aus. Die Seidenstraße reichte von Xi’an, der ersten Hauptstadt des alten China, bis Rom, in Nord-Süd-Richtung von der Mongolei bis Indien und verzweigte sich zusätzlich an etlichen anderen Stellen. Und weder die Chinesen noch die Römer kannten das jeweils andere Ende dieser Welthandelsroute. In der europäischen Antike wusste man nur von den „Serern“ auf der Seidenstraße.

Zu den besten Zeiten der Seidenstraße, – zur Zeitenwende etwa hatte Kaiser Augustus mit den Parthern Verträge über die Sicherung der Handelswege abgeschlossen -, zogen riesige Karawanen mit Seide, Edelsteinen, Eisen und Stahl, Bronze und Fellen, dann auch mit Papier über die Seidenstraße nach Westen. Keine der Karawanen bewältigte aber die gesamte Handelsroute. Statt dessen tauschten die Händler in den Oasenstädten diese Waren gegen Silber und Gold, Weihrauch und Bernstein, Glas, Elfenbein, Farbpigmente und afrikanische Sklaven – alles Waren des Westen, die von „der anderen Seite“ herangeschafft waren! So wuchsen die Oasenstädte im Tarimbecken zu mächtigen Schaltstellen, ja Zentralen der damaligen Weltwirtschaft – und sie wurden natürlich reich und attraktiv für viele Menschen!

Schmelztiegel

Schon im frühen Altertum, bereits vor 4 Tausend Jahren (!), erscheint so das Tarimbecken als Schmelztiegel der Kulturen und Völker. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts erkunden Archäologen das Becken und stoßen auf Grabstätten mit gut erhaltenen Mumien in bunten Kleidern, Filzhüten und Ledermänteln, aber auch Stoffen in Webmustern, die uns in schottischen Clanbekleidungen bekannt vorkommen! Viele der Mumien hatten rotes oder blondes Haar, tief liegende Augen und scharfe, vortretende Nasen. Scheinbar ein klarer Fall von europäischem Ursprung!

Über die genetische Bestimmung der berühmten „Mumien“ aus dieser Gegend und weiteren archäologischen Funden weiß man nun aber, dass die Dinge viel komplexer sind. Hier im Tarimbecken trafen Reiternomaden aus Sibirien und dem großen Altai-Gebiet mit europäisch-kaukasischer Bevölkerung (gräko-baktrisch) ebenso zusammen wie mit Indern, Persern und sogar Leuten aus Süd-Ost-China! Gefunden wurden z.B. Mischungen kaukasischer und mongolischer Individuen, aber auch Mischtypen der genannten Völkerschaften, was eine klare Trennung unmöglich macht.

Gefahr aus dem Norden

Die Hauptroute der Seidenstraße im Tarim-Becken führte mitten durchs Lob-Nor und von dort zum Südrand der Takla Makan an den Ausläufern der Gebirge entlang bis zum westlichen Rand bei Kashgar. Im Winter war diese Route nicht passierbar, aber dennoch wurde sie bevorzugt, weil man sich gegen Angriffe räuberischer Bergvölker aus dem mongolischen Altai hinter den endlosen Sanddünen der Wüste sicherer wähnte. Zudem versuchte China durch mindestens drei große Forts die Seidenstraße zusätzlich zu sichern.

Die Gefahr kam also aus dem Norden – warum nicht aus dem Süden? Da gibt´s doch auch mächtige Gebirge – aber eben lange Zeit keine Bewohner dieser Gebirge, die von dort aus einen begehrlichen Blick auf die Schätze der Welt werfen konnten wie es heute die durch Bürgerkrieg zerrütteten Somalier und ihre Warlords auf die Tanker und Handelsschiffe am Horn von Afrika tun. Hätten im Kun-lun-shan etwa Bergbewohner gelebt, und etliche Zeiten später besaßen die bis dorthin streifenden tibetischen Chiang-Nomaden einen Ruf wie Donnerhall als Räuber, sie hätten sich diese Beute nicht entgehen lassen! Aber bis fast zur Zeitenwende gab es eben dort keine Tibeter, und so dürften es einzig Tarimbewohner gewesen sein, die nicht nur an den Flussufern luxuriöse Villen angelegt haben, sondern sich vielleicht auch für die Hitze des Sommers kühlere Fluchtstätten in den Gebirgen bauten – natürlich von Hunden begleitet. Und damit sind wir fast beim Kun-lun-shan-Berghund angelangt.

Kamelkarawanen

Karawanen wie in unserer Vorstellung gab es auf der Seidenstraße erst mit der Domestizierung der beiden asiatischen Kamelarten, dem Dromedar und dem Trampeltier. Das soll bereits vor mehr als 5 Tausend Jahren erfolgt sein, und zwar im Gebiet des heutigen Kasachstan (dort soll übrigens auch das Pferd domestiziert worden sein). Doch die generelle Verbreitung des Kamels hat doch noch einige Zeit auf sich warten lassen. Immerhin sind in den arabischen Emiraten Kamele bereits seit 2600 v. Chr. nachgewiesen. Das ist zeitlich ein akzeptabler Anlauf zur Herausbildung der Seidenstraße über bereits sich vorher entwickelnde regionale Handelsnetze.

Doch lassen wir nicht außer Acht, dass mehr noch als das Kamel für das Funktionieren des Handels auf der Seidenstraße stabile politische Verhältnisse auf der „gesamten“(!) Route von China bis ans Mittelmeer Voraussetzung waren! Und die „Schutzmächte“ verdienten gewaltig daran!

Kamele dienten als LKWs der Antike und schleppten in unglaublicher Genügsamkeit große Lasten über die Weiten der Wüstenpassagen. Ohne Kamele keinen Welthandel – vielleicht nicht mal eine Seidenstraße! Doch trotz des Abstandes zu den nördlichen Räubern und den Versuchen der Großmächte und der regionalen Herrscher, die Routen zu sichern, waren solche Karawanen immer bedroht. Zu verlockend war die Beute.

Karawanenbegleithunde

Darum suchen die Händler auch nach individuellen Schutz, und so entstehen die „Karawanenbegleithunde“. Das sind Hunde von mittlerer Größe – nicht so groß also wie die Herdenschutzhunde, weil diese Riesen wohl auf den Wanderungen der Kamel-Karawanen nicht vergleichbar mithalten konnten. Die Karawanenbegleithunde erfüllten mindestens die Aufgaben des Wächters bzw. Alarmgebers gegenüber Raubtieren und Räubern.

In Quellen aus Tibet werden – viel später – auch immer kleine Hütehunde bei den Karawanen genannt, die Menschen und Tiere zusammenhalten und antreiben. Doch hier handelt es sich um Schafe und Ziegen als Packtiere, aber auch Rinder, meist Djoris, den Kreuzungen mit dem Yak. Und solche Gebirgs-Karawanen, die Salz aus Nepal über den Himalaya nach Tibet bringen, gibt es noch heute. Und ohne Begleitung durch einen Do Khyi, der im Himalaya als „Rasse“ entstanden ist und ausgezeichnet und ausdauernd klettern kann, trauen sich die Karawanenführer selten auf den Weg! Heute sieht man aber immer mehr Mischlinge auf den Gebirgsstraßen dieser Karawanen. Auch in Nepal hat man Mühe, diesen tibetischen Hund als Rasse zu erhalten.

Bergweiden oder Sommerhäuser im Kun-lun-shan?

Nicht nur die Karawanen suchten nach Schutz, sondern auch die Siedler im Tarimbecken werden ohne Wachhunde nicht ausgekommen sein. Und mit steigendem Wohlstand dürfte auch das Bedürfnis nach Luxus gewachsen sein.

Do KhyiFoto: Bundesarchiv135-S-17-03-23

Do Khyi
Foto: Bundesarchiv
135-S-17-03-23

Kleine, langhaarige Wuschelhunde haben vielleicht beides geleistet, als Wächter und Familienbegleiter zugleich. Die Besiedlung des Kun-lun-shan und weiterer an die Takla Makan angrenzenden südlichen Gebirgsregionen durch die Tarimleute dürfte, so spekuliere ich, eine fast zwangsläufige Sache gewesen sein, bei 50 Grad Hitze im Sommer!

Oder, und das ist auch nur ein Spekulation, doch eine nahe liegende, wurden im Kun-lun-shan Ziegen und Schafe gehalten, für die man selbstverständlich auch Hütehunde brauchte. Eine andere Möglichkeit, wie gebirgstaugliche kleine Hütehunde dorthin gekommen sind, sehe ich nicht.

Ob das damals wirklich so heiß war wie heute oder, bedingt durch die bessere Wassersituation und entsprechender Vegetation etwas milder, das ist noch umstritten. Einige Forscher gehen davon aus, dass die Tarimleute durch Raubbau an den vorhandenen Ressourcen erheblich zu dem heutigen Ausmaß der Verwüstung beigetragen haben. Nicht nur um die chinesischen Forts herum, sondern weit verbreitet im Becken müssen damals ausgedehnte Pappelauenwälder und anderes „Grünzeug“ gewachsen sein – alles abgehauen durch die Bewohner selber! Doch das ist ein anderes Thema.

Kun-lun-shan-Berghund

Ob es bei den Kamelkarawanen auf der Seidenstraße auch kleine Hütehunde als Begleiter gegeben hat, darüber habe ich keine eindeutigen Quellen. Dass es aber diese Hütehunde schon lange gegeben hat bei den Nomaden der großen Steppen nördlich des Altai, das ist sicher. Der Kun-lun-shan-Berghund, der vom Prof. Ludwig Schulmuth, ehemals DDR (Gelbrich), dort bei Ausgrabungen gefunden und auf die Zeit von etwa 1000 v. Chr. datiert worden ist, legt ein eindeutiges Zeugnis davon ab. Gelbrich bezeichnet ihn als von mongolischen Typen abstammenden Hund und erwähnt als ähnliche Hütehunde den Puli, Pumi und Tibet Terrier. Und Gelbrich greift dabei auf eingehende morphologische und anatomische Vergleichsstudien dieser Hunde zurück, die sowohl die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede aufzeigen. Gelbrich vertritt über weitere Skelettvergleiche die These, dass alle tibetischen Kleinhunde von diesem Typ „kleiner mongolischer Kun-lun-shan-Berghund“ abstammen.

Da gibt es aber jetzt ein Problem: Der Schulmuth-Professor datiert seinen Fund auf ca. 1000 v. Chr., vor 3000 Jahren also. Und warum sollten wir ihm das nicht glauben! Nur, zu diesem Zeitpunkt hat in dieser Gegend wahrscheinlich noch weit und breit kein Tibeter gelebt! Wohl die einzigen, die dort zu finden waren, und das schon seit 1000 Jahren, waren die Händler und Siedler im Tarimbecken.

Die Domestizierung des Haushundes

Hier müssen wir einen zeitlich großen Schritt zurück machen. Denn wo kommen alle diese Hunde her, die wir vor mehr als 4000 Jahren im Tarim-Becken, im Kun-lun-shan, ja eigentlich überall auf der Welt vorfinden. Drei Genstudien, 2002, 2009 (Mitochondrien-Genom) und 2011 (Y-Chromosom) unter Leitung des schwedischen Genetikers Peter Savolainen veröffentlicht, geben uns endlich die entscheidenden Hinweise. Diese Genstudien sind das Ergebnis der gemeinschaftlichen, biotechnologischen Arbeit der Institute der Universitäten Stockholm, Yunnan, Kunming und Solna.

Jede genetische Studie zur Domestikation des Hundes will vier Hauptfragen beantworten: Wann hat die Domestizierung statt gefunden? Wo hat sie statt gefunden? Wie ist die Domestizierung abgelaufen? Warum hat der Mensch sich veranlasst gesehen, den Wolf zum Haustier zu machen? Mit diesen Fragen verbinden sich natürlich spezielle Aspekte: Ist die Domestikation ein zeitlich und räumlich einmaliges Ereignis? Entstand sie aus einer ganz kleinen Gruppe von Ursprungswölfen heraus als gewissermaßen zufälliges Ereignis oder liegt ein planvolles Unterfangen zugrunde?

Zudem: Die meisten Genstudien untersuchen bestimmte Abschnitte auf dem Genom der Mitochondrien einer Zelle. Diese Mitochondrien werden ausschließlich mütterlicherseits vererbt. Und in den untersuchten Abschnitten finden sich Mutationen, Haplotypen, deren Verbreitung man bei den untersuchten Hunden und Wölfen verfolgt und die zudem eine „Zeitrate“ für die Hochrechnung der Ursprünge und Entwicklung ermöglichen.

Weil durch andere Genstudien, die einen Vergleich des Gesamtgenoms der Hunde vornehmen, die Ergebnisse Savolainens in Frage gestellt worden sind, hat Savolainen seine Untersuchungen am Y-Chromosom der Hunde wiederholt. Dabei wurden die Ergebnisse bestätigt – und Savolainen konnte an den widersprechenden Genstudien schwerwiegende methodische Mängel nachweisen. Darum gehe ich davon aus, dass die Savolainen-Genstudien die heute zutreffendste Antwort auf die oben gestellten Fragen liefert.

Wann hat die Domestizierung statt gefunden?

Savolainen legt sich im Jahr 2009 in seiner Studie zum ersten Mal in der Geschichte der genetischen Forschung am Haushund auf einen ganz engen Zeitraum für die Domestizierung fest. Nicht früher als 16.300 Jahre zurück und nicht später als vor 5.400 Jahren! Auf Grund archäologischer Daten grenzt Savolainen weiter ein: Nicht später als vor 11.400 Jahren.

Doch die enge zeitliche Eingrenzung (16.300 – 5.400) durch die in den genetischen Untersuchungen ermittelten Zeitraten bedeutet einen gewaltigen Durchbruch der Genforschung. Noch 2002 konnte Savolainen nur eine Bandbreite von 40 Tausend bis 15 Tausend Jahren für den mutmaßlichen Domestikationszeitraum benennen!

Wo fand die Domestizierung statt?

Savolainens Untersuchungen legen sich ebenfalls zum ersten Mal in der Geschichte der Haushundforschung weitgehend fest: In Frage kommt die Gegend südlich des Yangtse-Flusses in China! Und bereits hier können wir eine wichtige Ergänzung Savolainens hinzu fügen. Die Domestizierung des Haushundes war ein zeitlich und räumlich recht begrenzter Prozess. Und natürlich: Alle heutigen Haushunde stammen mutmaßlich von diesem Zentrum ab. Doch wie begründet Savolainen diese heute deutlich engere Festlegung?

Zuerst muss man etwas über Haplotypen wissen. In den untersuchten Mitochondrien-Abschnitten der Hunde und Wölfe finden sich bestimmte Mutationen, die man Haplotypen nennt, wie schon oben aufgezeigt. Und es sind insgesamt 10 Haupt-Haplotypen, 10 grundlegende Mutationen also, die den domestizierten Hund kennzeichnen. Man kann auch sagen: Diese 10 Haplotypen stellen die maximale genetische Vielfalt des domestizierten Haushundes dar.

Und genau hier reiht sich unser Tibet Terrier ein. Denn in der Auflistung der genetischen Nähe zu den mongolischen Ursprungswölfen stellt Savolainen „originale Tibet Terrier“ an die Stellen 4 und 9. Damit lassen sich auch unsere europäischen Tibet Terrier auf Vorfahren zurück führen, die direkt von den ältesten Hunden der Welt abstammen.

Und genau im Raum südlich des Yangtse-Flusses findet sich bei den heute untersuchten Hunden diese maximale genetische Vielfalt. Mit der räumlichen Ausbreitung vom ermittelten Ursprung weg verringert sich diese Vielfalt kontinuierlich. Es fehlen also zunehmend Haplotypen. Das Minimum an Haplotypen findet sich in Europa mit nur noch 4 Haplotypen, allerdings alle, die auch in der ältesten Gengruppe (Klade A) vorkommen. Dieser Umstand (Klade A) steht auch als Beweis, dass alle bisher in genetischen Studien untersuchten Haushunde von einem einzigen Ursprung stammen

Klosterhunde in Tibet; asiatische Hunde mit hoher genetischer VielfaltFoto: Strößner

Klosterhunde in Tibet; asiatische Hunde mit hoher genetischer Vielfalt
Foto: Strößner

Doch kehren wir zur geringen genetischen Vielfalt der Hunde in Europa zurück. Sie gibt nämlich Auskunft darüber, dass es nach der Trennung von der Ursprungsgruppe keine weiteren nennenswerten Einflüsse von Wolfspopulationen auf die europäischen Hunde gegeben hat. Das vorhandene Genmaterial stammt fast ausschließlich von den Anfängen der Domestizierung südlich des Yangtse.

Und das, obwohl die Rassevielfalt der europäischen Hunde ja weltweit nicht ihresgleichen hat. Doch diese Rassezucht hat nicht zu einer Zunahme  der genetischen Vielfalt geführt. Ja, heute wissen wir sogar, dass das äußere Erscheinungsbild der Rassehunde, Körper- und Kopfform, Körpergröße, Farbe, Haartextur wie auch Haarlänge von kaum mehr als 12 Genen und deren Mutationen bestimmt werden. Das ist eine extrem kleine Zahl von Genen und das unterscheidet sich deutlich von der Situation beim Menschen. Dort dürften einige Hundert Gene zuständig sein.

Naheliegende Schlussfolgerung: Rassehundzucht sieht phänotypisch beeindruckend aus, „kratzt“ aber nicht einmal  an der „genetischen Oberfläche“ unserer Haushunde!

Wie fand der Prozess der Domestikation statt?

Savolainen berechnet auf Grund des zur Verfügung stehenden Genmaterials für die Zuchtgruppe, die zum Hund geführt hat, eine Zahl von 51(!) Wölfinnen! Dabei postuliert er, dass die gesamte Zuchtgruppe dann eine Zahl von „mehreren Hundert Wölfen“ umfasst haben muss. Das bedeutet schlicht und einfach: Die Domestizierung des Haushundes war ein geplantes, in begrenzter Zeit und begrenztem, wenn auch großem Raum organisiertes Unternehmen!

Und der Grund dieses Großunternehmens einer eiszeitlichen, nomadischen Bevölkerung? Savolainen drückt sich hier unmissverständlich aus. In Asien gebe es eine weit verbreitete und lange zurückreichende Tradition, Hunde als Nahrung zu betrachten. Das unterscheide sich eben von der europäischen Abscheu vor solch einem Tun!

Vom Yangtse aus, das ist die Schlussfolgerung aus den Savolainen-Studien, verbreiten sich alle heute lebenden Haushunde mit ihren Menschen über die gesamte Erde! Und müssen dabei irgendwann in der zentralasiatischen Steppe angelangt sein. Und damit sind wir wieder auf dem Weg nach Tibet!

Die Urheimat der „Schäferhunde – Hirtenhunde – Hütehunde“

Als Favorit für die Urheimat der großen Hunde als Vorformen aller Mastiff- und Molossertypen, auch der großen tibetischen Hunde, aber auch der mittelgroßen Karawanenbegleithunde ebenso wie die kleinen Hütehundtypen muss Zentralasien gelten (nach Gelbrich). Diese Region umfasst heute das Gebiet der Mongolei, das südliche Russland vom Irtysch bis jenseits des Baikalsees, dazu Teile Chinas; und dann auch Kasachstan, Usbekistan und Turkmenien und Kirgisien. In Zentralasien findet sich auch die größte zusammenhängende Steppenregion der Erde, die sich eigentlich vom Westen Chinas an über Zentralasien, die Ukraine und die ungarische Puszta bis zum Neusiedler See bei Wien fortsetzt.

Die Völker Zentralasiens, vor allem des Steppengürtels, waren auf Grund des trockenen Kontinentalklimas seit ihrer frühsten Stammesgeschichte vorrangig nomadische Viehbauern. Das Pferd wird aber erst im 3. vorchristlichen Jahrtausend als Reitpferd mit Sattel und Zaumzeug eingesetzt. Viehzucht, Pferdezucht und Hundezucht bilden frühestens seit dieser Zeit also die Grundlage der Lebensexistenz der Steppenvölker und ihrer Fähigkeit zur flexiblen, beweglichen Lebensweise. Diese Lebensweise bedingte einen intensiven Kontakt mit allen in der Steppe lebenden Raubtieren. Das sind natürlich zunächst Wölfe, auch Bären und andere Raubkatzen. Doch das größte und gefährlichste Raubtier war immer schon der Mensch selber.

Domestikationen von Haustieren als Voraussetzung für das Nomadentum

Aber seit wann frühestens können wir mit dem Auftreten der Nomaden rechnen? Die Domestikation von Schaf, Ziege und Rind war wesentlich später abgeschlossen als die des Hundes, nämlich vor etwa 10 – 8 Tausend Jahren. Die bisher ältesten archäologischen Zeugnisse der Haltung von Großrindern – in Ställen(!) – finden sich in der anatolischen Stadt Catal Höyük, – vor mehr als 8000 Jahren wohl die größte Siedlung der Welt mit ca. 6000 Einwohnern. Städtebewohner, nicht Steppennomaden – aber vermutlich auch keine Ackerbauern!

Ziege und Schaf dürften schon vorher domestiziert worden sein. Die architektonische Anlage der Stadt, sie ähnelt den indianischen Pueblos, beweist übrigens das intensive Schutzbedürfnis der damaligen Menschen und zeigt damit auch ein entscheidendes Motiv zur züchterischen Selektion von Wachhunden. Catal Höyük in Anatolien liegt bereits weit entfernt von Mesopotamien, dem Domestikationszentrum für einige der Haustiere der Menschen.

Schaf und Ziege sind wohl durchaus in ihren Ursprungsgebieten der Wildformen, den Gebirgszügen Zentralasiens, Anatoliens und Armeniens domestiziert worden und verbreiteten sich von dort aus. Doch auch beim Großrind deuten neuerdings genetische Studien an Rinderrassen darauf hin, dass ihre Domestikation aus Auerochsenpopulationen erfolgt sei, die am südlichen Verbreitungsrand des Ur liegen. Da sind wir Mesopotamien, nicht der zentralasiatischen Steppe, schon recht nahe und müssen annehmen, dass das Zweistromland grundsätzlich eine überragende Bedeutung für die Domestikation von Haustieren gespielt haben.

Aber die Steppe ist noch weit weg! Und selbst wenn sich die genannten Haustiere bis in die Steppenregionen schnell verbreitet haben: Ich habe meine Zweifel, ob man sich bereits vor 8000 Jahren mit Schaf- , Ziegen- und Rinderherden „zu Fuß“ tief in diese „endlosen“ Weiten gewagt hat. Erst mit der Domestikation des Pferdes gewinnt das Nomadentum in der Steppe die Unabhängigkeit von anderen Lebensformen und damit die Bedeutung, die es bis zu seinem Höhepunkt mit dem Mongolensturm einnimmt.

Aber zurück zu den Hunden! Die Umwandlung des ursprünglichen „Grauwolfs“ zum Wachhund wird zu den Urtypen der Haushundwerdung gerechnet. Das kann züchterisch keine leichte Sache gewesen sein, denn einem Wolf sind das Bellen und das damit verbundene sonstige laute Warnverhalten, fremd. Der Wolf warnt lautlos oder nur durch einen wie ein Hüsteln klingenden Laut.

Solche Do Khyi Mischlingstypen kann man sich sowohl als Karawanenbegleithund wie auch Hirtenhund vorstellenFoto: Strößner

Solche Do Khyi Mischlingstypen kann man sich sowohl als Karawanenbegleithund wie auch Hirtenhund vorstellen
Foto: Strößner

Die Umwandlung des Grauwolfs zum Hüte- und Herdenschutzhund – manche bestehen hier auf der wohl treffenderen Bezeichnung „Hirtenhund“ – wird in der Fachwelt bis vor ca. 9-7000 Jahren angesetzt. Es ist die zeitlich letzte Stufe der Veränderung des Wildtieres Wolf, denn es muss ein mühevoller züchterischer Weg von der Umwandlung des Jagdtriebs des Wolfs zum Hüten und Schützen des Hundes gewesen sein.

Nomadentum

Erst mit der Domestizierung von Schaf, Ziege und Rind kann also die Gesellschaftsform des Viehnomaden entstehen. Sie wird also kaum älter als 9000 Jahre sein und entwickelte sich parallel zum Ackerbau und zur Stadtbildung. Nomaden und Ackerbauern sind eigentlich Lebensformen, die eng miteinander verbunden sind. Beide sind auf die Produkte der jeweils anderen Produzenten angewiesen! In der Anbauwirtschaft mit Viehhaltung auf Außenweiden, man nennt das bei uns Almwirtschaft, wissenschaftlich aber Transhumanz, macht sich das besonders deutlich – und die gemeinsamen Ursprünge beider Lebensformen werden so sichtbar!

Khamba-ReiterspieleEinst waren die Khambas die gefürchtetsten Räuber-nomaden Tibets.Heute werden Sie von den Chinesen eher als "Showindianer" angesehen.Foto: Tadra

Khamba-Reiterspiele
Einst waren die Khambas die gefürchtetsten Räuber-Nomaden Tibets.
Heute werden Sie von den Chinesen eher als „Showindianer“ angesehen.
Foto: Tadra

Eindeutige Beweise für Vollnomadentum gibt es erst „relativ spät“. „Der Nomadismus, das Fachwort für Vollnomadentum, hat sich zu Beginn der Bronzezeit im europäisch-asiatischen Raum aus der Anbauwirtschaft mit Viehhaltung über die Transhumanz und den Halbnomadismus entwickelt“. In Asien, hier China, weisen die ältesten Bronzefunde das Nomadentum in den Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr.! Der Zusammenhang mit der Domestikation des Pferdes wird hier sichtbar. Doch zu allen Zeiten gilt: Das Hüten, Treiben und Schützen von Viehherden, – anfangs noch zu Fuß, statt auf dem Pferd -, ist nicht ohne geeignete Hunde möglich.

Das Überleben in der Steppe ist gekennzeichnet durch den Kampf der Stämme oder Clans gegeneinander um Weide, Vieh, Sklaven, Frauen und Macht. Beutezüge bildeten eine wesentliche wirtschaftliche Grundlage eines jeden Stammes. Unsere Vorstellung von diesem andauernden Ringen kann gar nicht brutal genug sein! Das daraus resultierende Schutz- und Warnbedürfnis für Mensch und Tier konnten geeignete Hunde am besten erfüllen.

Owtscharka-Hunde

Doch zurück zu den großen Hunden. Der unbarmherzige Kampf ums Überleben bedeutete für die Steppennomaden ein starkes Motiv zur Zucht von Wach-, Schäfer-, Hirten- und Hütehunden. Die Abgrenzung zwischen diesen genannten Typen ist aber nicht ganz einfach. Durch die Selektion bewährter Hunde entstanden die verschiedenen asiatischen Hunderassen. (Biologen würden aber sicher den Begriff „Landschläge“ vorziehen. Landschläge werden durch Hunde gleichen Verhaltens, aber durchaus unterschiedlichen Aussehens gebildet. Aus diesen Landschlägen werden vor allem im späteren Europa verschiedene Rassen heraus gezüchtet.)

Direkte Nachfahren der „Steppenhunde“ in relativ unveränderter Form sind die heutigen Owtscharka-Hunde vor allem in Form des Zentralasiatischen, Südrussischen, aber auch des Kaukasischen Owtscharkas. Auch von diesen Rassen gibt es zahlreiche Modifikationen sowohl in den Steppen als auch in den zentralasiatischen Gebirgen, aber auch in der zeitlichen Entwicklungsschiene.

Das Langhaar

Ein besonderes Kennzeichen der asiatischen Steppenhunde ist ihr dickes, doppelschichtiges Langhaar, das nicht nur gegen die verschiedensten Klimaextreme schützt, sondern auch vor starken Verletzungen durch angreifende Wildtiere. Meist wird auch das Langhaar als Augenschutz gegen die in Zentralasien häufigen Sandstürme erwähnt. Ob das tatsächlich ein „evolutionärer Vorteil“ gewesen ist oder lediglich zwangsläufige Folge der Anlage von Langhaar, will ich nicht weiter erörtern. Es gibt in Zentralasien, aber natürlich auch in Tibet, etliche Hunde und sonstige Wildtiere, die ohne einen solchen „Augenschutz“ auskommen können.

Kamele allerdings besitzen lange Wimpern, mit denen sie ihre Augen sehr wirksam gegen Sandstürme „abdichten“ können. In jedem Falle finden sich bei den Steppenvölkern vor allem in der Mongolei bereits unterschiedliche Ausformungen der Owtscharka-Rassen. Mittelgroße Typen werden als Karawanenbegleithunde geschätzt, andere, deutlich kleinere als Hütehunde oder Wachhunde, große Typen als Schutz der Herden, aber auch der Menschen vor Raubzeug und Räubern. Und von den Steppenvölkern breiteten sich diese Hunde überall hin dort aus, wo man sie gebrauchen konnte!

Huang He – Der Gelbe Fluss – Bittere Pille

„Vor mehr als 60 Tausend Jahren erreichten moderne Menschen aus Afrika Süd-Ost-Asien. Ein Teil der Zuwanderer zog dann nach Norden weiter und besiedelte Ost-Asien. Vor etwa 40 Tausend bis 20 Tausend Jahren erreichten sie die Gegend um den oberen und mittleren Lauf des Gelben Flusses. Die Kultur dieser Zuwanderer nennt man Yang Shao. In dieser Region entwickelte sich dann vor 10 Tausend Jahren mit dem Anbau von Hirse die frühste neolithische Ackerbaukultur Ost-Asiens.“

Diese sachliche, fast trockene Darstellung des Genetikers Bing Su (Human Genetics 2000) bedeutet für chinesische Verhältnisse eine fast „skandalöse“ Revolution und eine bittere Pille zugleich. Doch schauen wir zunächst auf die Skizze (siehe weiter unten)!

Wie schon im Tibet-Szenario dargelegt erreichen „moderne Menschen“ vor fast 70 Tausend Jahren Indien und „biegen“ dort „links und rechts“ ab. „Links“ heißt, an Himalaya, Hindukusch, Pamir und den Ausläufern des Tian–Shan vorbei letztlich bis in den Altai, Zentralasien und Südwest-Sibirien. „Rechts“ heißt durch das heutige Bangladesh nach Südasien – Myanmar, Thailand, Laos, Vietnam, Kambodscha.

Hier zweigen wohl diejenigen ab, die nur wenig später über die Sunda-Inseln nach Australien gelangen. Das älteste in Australien gefundene Skelett wird auf 62 Tausend Jahre datiert!

Andere Einwanderer folgen dem Weg in den Kern des südlichen Chinas, Yunnan und den Raum südlich des Yangtse. Von dort aus wiederum stoßen Teile dieser Bevölkerung nach Norden in das kulturelle Herz Chinas am Gelben Fluss vor. Den Nordchinesen gilt dieses nördliche China als „Zhongguo“, das „Königreich der Mitte“, dem „Ursprung aller Zivilisation und Kultur“. Die Yang-Shao-Kultur auf der Skizze überspannt in etwa einen Bereich von 1000 km in West-Ost-Richtung und 500 km in Nord-Süd-Richtung.

Wieso aber nun „skandalös“ und „bittere Pille“?

China und die Evolution

Der Gedanke, von Afrikanern abzustammen, ist für alle Chinesen eine nur schwer zu schluckende Kröte. Für Nordchinesen ist nur eines fast noch schlimmer, nämlich von Südchinesen abzustammen! (Den „Witz habe ich übrigens vom Genetiker Steve Olson abgekupfert.) Aber von Anfang an haben sich die Chinesen gegen die „out of africa Theorie“ gewehrt und die chauvinistische Vorstellung einer Sonderentwicklung des Chinesen in der Evolution der Menschheit gepflegt. Dem Anspruch als Reich der Mitte und erste Kultur am Platze entsprechend leiteten sie den chinesischen Menschen vor allem vom Sinanthropus erectus ab – auch „Peking-Mensch“ genannt, dessen Restgebeine man in der Nähe Pekings ausgegraben und auf 400 Tausend Jahre datiert hat. In chinesischen Augen womöglich eine gedachte „Edelausgabe“ des homo erectus.

Man nennt das eine „sinozentristische“ Sicht der Menschheitsursprünge! Nur das schien dem Selbstverständnis der Chinesen als erste und einzige Kulturnation der Welt angemessen zu sein. Und die kommunistischen Regimes, die sonst fast alles in der chinesischen Geschichte als verdammenswert einstuften, schürten diese Art von Chauvinismus ganz besonders!

Bitter ist zudem, dass es ausgerechnet chinesische Stargenetiker sind, Jin Li und Bing Su, die diesen chinesischen Narzissmus zerlegen und ihre Leute in die Reihe der normalen Menschen zurück holen. Das kommt eben davon, wenn man in allen populären Bereichen zur Weltspitze gehören will! Bing Su hat man doch mit großer Mühe für einige Monate pro Jahr aus den USA zu Forschungsarbeiten in China gelockt. Doch wirkliche Wissenschaft stört sich eben nicht an Ideologien!

Neolithischer Ackerbau

Nun, ganz unberechtigt ist der Stolz der Chinesen auf die Geschichte und Kultur ihres „Reichs der Mitte“ nicht. Wenn die chinesische Datierung der Ackerbau-Hirse-Kultur am Huang He stimmt, und warum sollte ich die 10 Tausend Jahre anzweifeln, dann haben wir hier eine heiße Anwartschaft um das Erstgeburtsrecht am größten Entwicklungssprung der Menschheit, eben dem Ackerbau. Wir euro-zentrierten Betrachter schauen bei diese Meisterleistung des Menschen, die wir auch die neolithische Revolution nennen, ja immer Richtung fruchtbarem Halbmond und dem nahen Osten. Dort soll ja der Ackerbau mit dem berühmten Einkorn – Emmer vor ca. 11500 Jahren angefangen haben. Und unsere europäische Ackerbaukultur wird zweifellos vom Nahen Osten initiiert, auch wenn die Ausbreitung ziemlich gedauert hat.

Doch inzwischen ist klar, dass der Ackerbau mindestens an drei Stellen in der Welt unabhängig voneinander „erfunden“ worden ist. Als drittes kommt Mittelamerika hinzu! Nicht nur in unserer Welt also leben intelligente Menschen!

Mit 10 Tausend Jahren Hirseanbau spielt der Huang He in der Zeitkonkurrenz ganz vorne mit, zumal die Datierungen offenbar immer ein Streitpunkt sind. Die Yang Shao Kultur wird, wie erwähnt, von chinesischen Autoren auf mehr als 10 Tausend Jahre eingeordnet – und das vor dem Hintergrund einer Bevölkerung, die schon seit etwa 20 Tausend Jahren zuvor dort lebt. Eine ausgesprochene Kontinuität der Entwicklung ist hier nahe liegend.

Wikipedia ausgebootet

Doch in Wikipedia wird die Yang Shao Kultur von „westlichen“ Quellen auf 5000 – 2000 Jahre angesetzt, der Ackerbau -Hirseanbau allerdings auf ca. 7000 Jahre datiert. Das passt „hinten und vorne“ nicht zusammen. Zwischen den chinesischen Angaben und dem Wikipedia-Beitrag gibt es keine Brücke!

Doch wenn ich bei diesem Wikipedia-Eintrag nach der verwendeten Literatur schaue, dann wird mir einiges klar. Der Wikipedia-Eintrag beruht auf einer Publikation von Hermann Müller-Kraps von 1982. Hemmungslos veraltet!

Da vertraue ich doch lieber den mir stimmig erscheinenden Angaben der chinesischen Archäologen und Linguisten, deren Erkenntnisse zudem mit den Ergebnissen der genetischen Studien von Bing Su korrespondieren, die wiederum im Jahr 2000 in „Human Genetics“ publiziert worden sind – unwidersprochen!

Mutterkultur

Doch kehren wir an den Gelben Fluss zurück. Die Yang Shao Kultur wird von Bing Su als „Mutterkultur“ der „Sino-Tibetischen“ Völkerfamilie verstanden. Wissenschaftlich nennt man so etwas „Proto-Sino-Tibetische Sprachfamilie“ – was man fast identisch mit „Völkerfamilie“ auch im genetischen Sinne verstehen darf. Und damit kommt ein Name aus einer ganz anderen Wissenschaftsdisziplin ins Spiel, der Sprachforschung. Und das erlebt man fast überall, wo Genetiker und Linguisten eine fruchtbare Beziehung eingehen: Die Ergebnisse der genetischen Forschung decken sich fast immer mit dem, was Linguisten schon viel früher über die Zusammenhänge der menschlichen Sprachen herausgefunden haben!

Das Sino –Tibetische ist die zweitgrößte Sprachfamilie der Welt, nach der indo-germanischen, und wird heute nicht nur in China und Südasien gesprochen, sondern dominiert auch im Himalaya-Gebiet. Heute gehören 360 (!) Individualsprachen dazu.

Das Tibeto-Burmesische

Doch für unsere Betrachtung, auch wenn uns die Fachbegriffe langsam „Chinesisch“ vorkommen, ist die Unterteilung der Sino-Tibetischen Sprachfamilie in zwei Untergruppen wichtig, dem Chinesischen – natürlich – und dem Tibeto-Burmesischen! Diese Untergruppe, das Tibeto-Burmesische, differenziert sich heute in 250 Individualsprachen und wird, man denkt es sich, von Burma bis Tibet, also in Süd-Asien und im Himalaya-Gebiet, z.B in Nord-Indien, Bhutan und Nepal gesprochen. Und zum Schluss dieser Betrachtung – es muss sein (!) – noch die letzte wichtige News: Das Tibeto-Burmesische hat ebenfalls vier weitere Untergruppen, und die heißen „Baric, Bodic (Nachtigal!), Burmese-Lolo, Karen“.

Enge genetische Verbindung

Zwischen all den Völkern der Sprachfamilie lassen sich enge, teils sehr enge genetische Verbindungen feststellen. Doch Süd- und Ost-Asien weisen ein brodelndes Völkergemisch auf. Wanderungen und Gegenwanderungen, sich übereinander schiebende Wellen von Siedlern und enge Verbindungen mit Völkern aus dem Altai und Sibirien, Einflüsse aus Indien, ja noch weiter reichend, machen sich sowohl in der Sprache wie auch im genetischen Profil der Bevölkerung bemerkbar. „Gene flow“ ist ein beliebter Fachbegriff unter Genetikern und wir können uns vorstellen, wie „Genfluss“ konkret zustande kommt. Darum mischen sich unter die Sino-Tibetischen Völker und Sprachen noch weitere fünf Sprachfamilien, die auch genetisch nachweisbar sind. Nur eine nenne ich noch, die uns interessiert, nämlich das „Altaische“! Die altaisch sprechende Bevölkerung lebt vor allem in Nord-Ost-Asien – bzw. Süd-West-Sibirien.

Weg zum Finale

So, nun ist alles vorbereitet für das Finale. Alle wichtigen Schauplätze sind gezeigt, die wichtigsten Fakten präsentiert und die zeitlichen Rahmen für unsere Geschichte vor geprägt. Nun werden wir die Teile unseres erzeugten Puzzles zusammen setzen – uns an die Ufer des Gelben Flusses aufmachen, dort den Aufbruch der Menschen zu großen Wanderungen miterleben, ihren Weg verfolgen und ihr weiteres Schicksal in Tibet nachzeichnen. Und wir werden dabei auch unsere geliebten tibetischen Hunde wiederfinden!

Ackerbauern – Proto-Tibeto-Burmesen

Kehren wir nun zurück zum Gelben Fluss, zu Yang-Shao, der Mutterkultur der Sino-Tibetischen Völker und dem neolithischen Ursprung der Tibeter! Die Gegend um den großen Bogen des oberen und mittleren Huang He muss für die streifenden Jäger seit Jahrzehntausenden so etwas wie ein Paradies gewesen sein. Eine üppige Vegetation und ein entsprechend reichlicher Bestand an jagdbarem Wild bot alles, was sie zum Leben – und zum Aufbau einer eigenen Kultur brauchten. Eine gewisse Form von Sesshaftigkeit hat sich dabei herausgebildet, und das ist für Jäger und Sammler keineswegs der einzige Fall. Wir finden in Göbekli Tepe, – 11500 Jahre, die älteste Großtempelanlage der Welt, erbaut von Jägern und Sammlern -, und in Catal Höyük, – Anatolien, eine der ältesten Städte der Welt, erbaut mutmaßlich von Jägern und Sammlern -, imponierende Beispiele dafür, dass Ackerbau nicht als Voraussetzung von Architektur und Städtekultur anzusehen ist!

Doch vor etwa 10 Tausend Jahren, im Neolithikum, begannen sich die Verhältnisse am Gelben Fluss zu ändern. Zunächst kristallisiert sich in der Yang-Shao-Kultur eine dominierende Gruppe heraus, die von den Chinesen „Ma-Jia-Yao-Kultur“ genannt wird. In der Bing-Su-Studie werden sie bereits als „Proto-Tibeto-Burman“ gekennzeichnet, also als Vorläufer der Tibeto-Burmesischen Sprach- und Völkergruppe. Und es ist offenkundig, dass diese Gruppe in einer engen Verbindung mit dem Beginn des Hirseanbaus zu sehen ist. Die Tibeto-Burmesen entwickeln sich zu Ackerbauern und stehen am Ursprung einer der drei unabhängig voneinander stattfindenden neolithischen Revolutionen!

Yang-Shao-Kultur am Bogen des Gelben Flusses; Ausdehnung etwa 500 x 1000 kmFoto: Bin Su 2000

Yang-Shao-Kultur am Bogen des Gelben Flusses
Ausdehnung etwa 500 x 1000 km
Foto:
Bing Su 2000

Wie schon im letzten Beitrag erwähnt, vertraue ich den chinesischen Quellen bei der zeitlichen Einordnung der Kulturen mehr als den Wikipedia-Notierungen. Bing-Su ist ein weltweit anerkannter Fachmann mit Lehraufträgen in Cincinnati, Shanghai und Yunnan, der einen Ruf zu verlieren hat! Noch wertvoller: Bing Su kommt bei der Datierung der ersten Einwohner Tibets zu den gleichen Ergebnissen wie die Arbeiten von Carvalli-Sforza und Piazza (1994). Das sind nicht irgendwelche Feld-, Wald- und Wiesengenetiker, sondern bahnbrechende Pioniere der Genforschung!

Die von mir verwendeten Quellen sind 2000 und 2004 in „Human Genetics“ publiziert worden und wissenschaftlich unwidersprochen geblieben. Besser kann man eine Quelle nicht absichern!

Völkerwanderung

Keine schriftliche Quelle aber berichtet uns von den Ereignissen am Gelben Fluss, und das wird auch noch mehr als 7000 Jahre so dauern, bis nämlich verkehrsfähige chinesische Schriftzeichen Chroniken anfertigen lassen, die die Ereignisse im Inneren Chinas und an seinen Grenzen aufzeichnen. So können wir auch nur indirekt – mit der Rückkoppelung genetisch ermittelter Zeiträume und der linguistischen sowie archäologischen Befunde – die dramatischen Ereignisse konstatieren, die 4 Tausend Jahre nach Herausprägung von „Ma-Jia-Yao“ die Verhältnisse am Gelben Fluss grundlegend ändern. Die Sino-Tibetische Kultur zerbricht nämlich in einem Zeitraum von 5900 –5200 Jahren vor unserer Zeit. Denn ein wesentlicher Teil der Bevölkerung, die fast vollständige Gruppe der „Proto-Tibeto-Burman“, verlässt ihre Heimat am Huang He und wandert aus! Mit diesem einschneidenden Ereignis zerfällt auch die Sino-Tibetische-Sprachfamilie in das Chinesische und Tibeto-Burmesische!

Erste Einwanderungswelle nach Tibet: Baric

Auf der beigefügten Skizze können wir die Wanderung der Tibeto-Burmesischen Völker verfolgen.

Wanderungen der Tibeto-burmesischen VölkerFoto: Bin Su 2000

Wanderungen der Tibeto-Burmesischen Völker
Foto: Bing Su 2000

Zuerst ziehen sie geschlossen aus dem Kernbereich des Gelben Flusses nach Westen in die Gegend der heutigen Provinz Qinghai. Doch kaum dort angekommen, spaltet sich ein weiterer Teil ab und wandert weiter nach Süden. Diesen Zweig der Tibeto-Burmesischen Völker nennen wir ab jetzt „Baric“, mit dem Fachbegriff, mit der er nicht nur in der Genstudie Bing Sus, sondern auch in der Linguistik als Untergruppe des Tibeto-Burmesischen geführt wird. (Der Wanderungspfeil weist zunächst nach Süd-Süd-West -nach Tibet- und knickt dann ab nach Westen – grobe Richtung; der Pfeil der 2. Wanderungswelle überlagert sich damit.)

Die Baric sind ausschließlich Ackerbauern und sie zeichnet eine ganz besondere genetische Homogenität aus. Diese ist so ausgeprägt, dass die Genetiker sogar von einem Bottleneck-Ereignis sprechen, also einem genetischen „Flaschenhals“. Welches Geschehen zu einer solchen genetischen Verengung geführt hat, ist zunächst aber nicht zu rekonstruieren. Doch die Nachkommen der Baric sind an dieser Kennung bis heute eindeutig zu identifizieren!

Die Baric ziehen also nach Süden, und zwar über eine „bekannte“ Route, den „Zang (Tibet) – Mien – Korridor“, die meist benutzte Route, die Himalaya-Region von Norden und Osten her zu erreichen. Ich lasse das „bekannt“ jetzt mal unkommentiert so stehen. Ein Teil der Baric biegt nach Westen ab in das Hochland von Tibet. Andere Gruppen passieren die Ausläufer des Himalaya und erreichen Bhutan, Nepal und Nord-Ost-Indien; ein nächster Zug richtet sich nach Yunnan.

Die Baric-Einwanderung erreicht das Hochland von Tibet im Zeitraum vor 5000 – 4000 Jahren. Man muss sich nicht einen geschlossenen Zug vorstellen, sondern ein gruppenweises, zeitlich weit gestrecktes Einsickern in die Teile des Hochlands, die für den Ackerbau nutzbar sind. Die Baric besiedeln nur den östlichen Teil Tibets!

Eine Weidewirtschaft durch die Baric ist nicht festzustellen. Wenn die Ackerbauern Hunde mitgebracht haben, dann übernehmen sie die typischen Wach- und Müllbeseitigungs-Funktionen, wie wir sie in Europa aus der Steinzeit durch die berühmten „Torfspitze“ kennen!

Warum Wanderung?

Doch eine Frage haben wir in der Wanderung der Tibeto-Burmesischen Völker bisher offen gelassen. Was hat sie dazu gebracht, aus ihre Heimat aus zuwandern? Wir kennen aus historischer Zeit, 3 Tausend Jahre nach den Tibeto-Burmesen, Völkerwanderung auch in Europa, diese aber begleitet durch schriftliche Quellen. Die Ursachen dieser europäischen Völkerwanderungen sind nicht vollständig, aber zumindest in Teilen auch auf die Wanderbewegungen der Völker in Ostasien und Zentralasien übertragbar. In der Regel ist es die blanke Not, die zur Wanderung zwingt, und es müssen nicht immer kriegerische Einbrüche wie die der Hunnen sein, die die Völker vor sich her treiben!

Denn die Kehrseite des Ackerbaus heißt Hunger! Das mag verblüffen, ist aber eine zwangsläufige Folge. Zunächst gewinnen die Ackerbauern aus ihre Wirtschaft einen erheblich vergrößerten Ertrag an Nahrungsmitteln und sonstigen Vorräten. Doch gleichzeitig erhöht sich die Kopfzahl der Bevölkerung, teils erheblich. Irgendwann stößt die Ackerwirtschaft ohne moderne Düngemittel an ökonomische – und auch ökologische Grenzen – nach einer gewissen Zeit sind die Böden weiträumig erschöpft. Und dann wird es eng!

Not als ständiger Begleiter

Alle diesbezüglichen Forschungen – weltweit – kommen zu einem erstaunlichen Ergebnis. Die Ernährungssituation und Gesundheit der Jäger- und Sammlerpopulationen war deutlich besser als die der Ackerbauvölker. Die Jäger und Sammler ernährten sich aus dem, was das Land übrig hatte, und hielten offenbar auch ihre Zahl mit natürlichen Mitteln der Geburtenregulierung unter Kontrolle.

Das gelang den Ackerbauern in der Regel nicht. So wurde die Not zum ständigen Begleiter, auch in Europa und noch bis weit ins Mittelalter hinein. An Moorleichen – vor 1000 Jahren begraben – konnte z.B. festgestellt werden, dass diese teilweise noch jungen Menschen, darunter ein Mädchen von 16 Jahren, schon mindestens einige große Hungerperioden durchgemacht hatten! Außerdem grassierten in den nun verdichteten Siedlungen der Ackerbauern Krankheiten verschiedener Art, die von Jägern so nicht gekannt wurden!

In dieses Bild der blanken Not als Ursache von Völkerwanderungen – und dem Untergang großer Kulturen – passt eine Anfang 2013 getätigte Veröffentlichung der „Weltgeschichte der Temperaturen“ einer Forschergruppe der „Oregon State University“ um Shaun Marcott. Diese Weltgeschichte reicht bis 11.300 Jahre zurück. Mindestens von diesem Zeitpunkt an herrschte bis vor ca. 6000 Jahren ein ähnlich warmes Klima wie heute. Danach aber setzte ein lang anhaltender Kälteschub ein, der mit weit reichenden  Dürreperioden einherging. Diese anhaltende Kälte und Dürre erklärt die Wanderbewegungen der Völker aus Zentralasien nach China, das Zerbrechen der Ackerbaukultur am Gelben Fluss mit den  Wanderungen der Tibeto-Burmesen, aber auch den Untergang etwa der Induskultur vor etwa 4000 Jahren.

Verhungern oder wandern

Wenn also nun zu den zunehmend erschöpften Böden der Ackerbauern noch länger anhaltende Klimakatastrophen, Dürre oder Überschwemmungen kommen wie aus der „Weltgeschichte der Temperaturen“ entnehmbar ist, dann ist die Existenz ganzer Völkergruppen bedroht. Dann bleibt oft nur noch eine Wahl: Verhungern oder wandern – wobei wandern oft nur ein anderer Begriff für Untergang bedeutete!

So zogen eben ganze Völker, oder auch nur Teile, aus ihrem Heimatgebiet ab und suchten neue Existenzgrundlagen. Auf ihrem Weg nahmen sie vor allem Saatgut mit, um auf der Wanderung neue Äcker anzulegen, zu säen und zu ernten, sich so am Leben zu erhalten, ergänzt durch Jagd und Sammeln weiterer pflanzlicher Nahrung, um dann mit neuen Vorräten eine nächste Wegstrecke zu ziehen. So ist es erklärlich, das die Baric vom Gelben Fluss aus mehr als Tausend Jahre gebraucht haben, um das Hochland von Tibet zu erreichen!

Bodic – die „echten“ Tibeter

In der Zwischenzeit geraten die westlich des Gelben Flusses gebliebenen Verwandten der Baric mit wandernden Nomadenvölkern aus dem Altai und Süd-West-Sibirien in Verbindung.  Es muss sich, so verraten es die Haplotypen (gemeinsame Mutationen) auf dem männlichen Y-Chromosom, überwiegend um mongolische Nomaden gehandelt haben. Auch diese Völker sind immer wieder in Bewegung und branden in Wellen nach Ostasien hinein. Der lange Pfeil in der Skizze, der von Xinjian her auf den Siedlungsraum der Tibeto-Burmesen in Qinghai zeigt, kennzeichnet diese Wanderung der Nomaden aus dem Altai und Süd-West-Sibirien.

Die in Qinghai verbliebene – oder auch schon in erneuter Wanderung befindliche Tibeto-Burmesische Bevölkerung mischt sich nun in erheblichem Maße, substantiell, wie die Studie formuliert, mit diesen Nomaden. Der „gen flow“ zwischen den Völkern ist so intensiv, dass eine wirkliche „Mischbevölkerung“ entsteht, bei der zwei dominierende Haplotypen im Erbgut nebeneinander stehen: Der eine ist der Haplotyp, der die „Bodic“, so nennen wir ab jetzt diese Bevölkerung, als enge Verwandte der Baric ausweist. Der „mongolische“ Haplotyp aber zeigt ihren intensiven Kontakt mit den Nomaden. Und in der tibetischen Sprache zeigen sich bis heute Spuren von Altai-Sprachen!

Nomaden und Ackerbauern

Der Begriff „Bodic“ meint „echte Tibeter“ – auf Deutsch „bodisch“, tibetisch. Denn „Bod“ beziehungsweise „Bodyul, Land der Rufe“ ist die Bezeichnung für Tibet! Die Bodic also werden die zweite Einwanderungswelle nach Tibet ausmachen. (Ich liebe diesen Kennelnamen: bod ssengge tsunba – kleiner tibetischer Schneelöwe – einen schönen Gruß an Frau Berit Kunze!)

Wie lange die „Durchmischung“ beider Völker, der Nomaden und der Tibeto-Burmesen, gedauert hat, ist schwer zu berechnen. Wenn ich die Studie richtig verstehe, kann man glatt mit einem Zeitraum von Tausend Jahren rechnen. Dabei müssen wir immer noch mit zwei nebeneinander bestehenden Gruppen in der Bodic-Bevölkerung rechnen, den Ackerbauern und den Nomaden! Doch diese beiden Wirtschaftsformen ergänzen sich ideal. Denn beide stellen unterschiedliche Produkte her, die die jeweils andere Bevölkerungsgruppe benötigt.

Khamba-Nomade! Die Khamba werden genetisch in den  Kernbestand der "Bodic", der "Tibeter" also, eingeordnet.Foto: Tadra

Khamba-Nomade! Die Khamba werden genetisch in den Kernbestand der „Bodic“, der „Tibeter“ also, eingeordnet.
Foto: Tadra

Doch etwa Tausend Jahre nach den Baric setzen sich auch die Bodic in Bewegung und verlassen ihre neue Heimat in Qinghai. Sie nehmen die gleiche Route wie vorher die Baric. Auch hier lässt sich über die Ursache nur spekulieren. Vielleicht waren in diesem Zeitraum auch die neuen Böden erschöpft – oder Druck von außen zwingt sie zum Weichen. Als wahrscheinlichste Ursache, wie man sie in neuerer Zeit hinter vielen Völkerkatastrophen entdeckt hat, dürfte das Anhalten der Kälte- und Dürreperioden oder sogar  eine erneute Verschlechterung des Klimas anzusehen sein.

Ob sie fast vollständig wegziehen oder nur Teile der Bevölkerung, das ist mir unbekannt. In jedem Fall ziehen Ackerbauern mit Nomaden gemeinsam los. Mit sich führen diese auch ihre Herden und Hunde, die sie aus ihrer zentralasiatischen, altaischen und südwestsibirischen Ursprüngen mitgebracht haben. Und sie bringen auf ihrer Wanderung auch eine neue Sprache mit, das „Bodic“, das nun neben dem „Baric“ eine neue Untergruppe des Tibeto-Burmesischen darstellt. Und in der Sprachgruppe „Bodic“ lässt sich der linguistische Einfluss aus Zentralasien deutlich feststellen.

Zweite Einwanderungswelle nach Tibet: Bodic

Schließlich erreichen auch die Bodic das tibetische Hochland. Aus verschiedenen Quellen ist zu entnehmen, gegenwärtiger Stand der Wissenschaft, dass die „Tschiang-Nomaden“ (Gelbrich – Qiang heißt es in chinesischen Quellen, und das Wort ist fast identisch mit dem Begriff „Räuber“) um 700 – 500 vor der Zeitenwende nach Tibet einziehen. Aber während die Baric die Grundlage von Bevölkerung und Sprache in einer Reihe von Himalaya-Ländern bilden, scheinen die Bodic ziemlich geschlossen nach Tibet gewandert zu sein. Lediglich in Yunnan sind weitere Bodic-Gruppen angelangt.

Und noch ein Besonderheit wird heute den Bodic zugesprochen. Sie weisen eine genetische Mutation auf, mit denen sie in dünner Gebirgsluft den vorhandenen Sauerstoff anders und besser verarbeiten können, als ihre Sino-Tibetischen Vorfahren. Während „normale“ Menschen in Höhenlagen die Zahl ihrer roten Blutkörperchen erhöhen, geschieht das bei den Tibetern aber nicht. Denn die Verdickung des Bluts kann zu gefährlichen Verstopfungen in den Blutbahnen und Organen führen. Wie aber diese Sauerstoff-Verarbeitung bei den Tibetern geschieht, das wissen die heutigen Wissenschaftler noch nicht genau. In jedem Fall sind die Tibeter mit dieser genetischen Anpassung für die Bedingungen im Hochland von Tibet bestens gerüstet. Aber in den bisherigen Publikationen zu diesem Umstand fehlt ein Verweis, ob auch die Baric diese spezifische genetische Anpassung an die Höhenlage vorweisen. Ich kann mir nichts anderes denken, denn sie leben ja unter den gleichen Bedingungen wie die Bodic! Für mich ist diese Geschichte des „Sondergens“ der Tibeter – immer im Vergleich zu den Chinesen – noch nicht ganz ausgegoren.

Vorstaatliche Zeit

Die „echten“ Tibeter, die Bodic, verbreiten sich nach und nach über die gesamte Fläche des Hochlandes. Die Ackerbauern ziehen in die landwirtschaftlich nutzbaren Gebiete, wo sie sich mit den Baric zusammen finden – wie immer das auch abgelaufen sein mag. Und die Hochsteppen und Hochweiden werden von „Viehbauern“ wirtschaftlich genutzt. Bis etwa Anfang des 2. Jahrhunderts vor Chr. ist die „Landnahme“ abgeschlossen und ganz Tibet besiedelt – mehr oder minder!

Die damaligen Einwanderer bewegen sich im tibetischen Hochland, jahreszeitlich bedingt, in Zeltgemeinschaften, Clan- oder Stammesstrukturen zwischen Weide- und Wohngebieten und behaupteten jeweils ein eigenes Stammesgebiet gegenüber ihren Nachbarn. Die für den Ackerbau lohnenden Lagen, vor allem auch im Tsangpo-Tal, werden entsprechend besetzt. Aber es gab kein nationales Bewusstsein, keine gemeinsame Sprache – trotz des gemeinsamen genetischen und sprachlichen Ursprungs – und keine staatliche Organisation. Die unterschiedlichen Völker verwendeten unterschiedliche Warn- und Erkennungsrufe (so Gelbrich).

Wiege der tibetischen Kultur und des Staatswesens

Bön

Die Geschichte Tibets ist nun überwiegend von frommen buddhistischen Schreibern aufgezeichnet worden und beginnt damit eigentlich erst im 7. Jahrhundert nach Chr. Nur die „Bönpo“, die wenigen überlebenden Mönche der „Bön-Religion“, bewahren eine mündliche Überlieferung an sagenhafte Könige, die weit vor die buddhistische Zeit zurück reicht – und heute durch die neuesten Forschungen von Tibetspezialisten bestätigt wird. Dabei wurde auch klar, dass man diese Königsüberlieferung fälschlicherweise den Vorfahren der „buddhistischen“ Yarlung-Könige zugeschrieben hatte.

Denn im 2. Jhrdt. v. Chr. bis ins 7. Jhrdt. n. Chr. verbreitete sich in Tibet unter dem Eindruck der unvorstellbaren Naturgewalten und ihrer Unberechenbarkeit unter den Nomaden ebenso wie den angesiedelten Bauern die schamanistische Bön-Religion, die trotz des Buddhismus bis heute überlebt hat. Das Wort Bön kann man mit „Beschwörung“ oder „Anrufung“ übersetzen, aber auch mit „singen“ oder „rezitieren“. Die schamanistisch anmutende Bön-Religion besteht aus zahllosen, teils blutigen Beschwörungs- und Geisterritualen, die der Bewusstseinserweiterung dienen sollen. Mit ihrer Verbreitung entsteht in Tibet auch langsam ein gemeinsames kulturelles und staatliches Bewusstsein.

Silberschloss und Shambhala

Und die eigentliche Wiege der tibetischen Kultur liegt nicht etwa in Lhasa und dem Yarlung-Tal, sondern 1000 km westlich, noch hinter ihrem heiligen Berg, dem Kailash, im Garuda-Hochtal. Hier hat der deutsche Tibetologe Baumann das Silberschloss der Shang-Shung-Könige aus der grauen Bön-Vorzeit entdeckt. Von hier aus beherrschten diese Könige weite Teile Zentralasiens, kontrollierten also auch den Kun-lun-shan und weite Teile des Tarim-Beckens mit der Seidenstraße und dehnten auch nach Süden ihre Herrschaft über den Himalaya aus bis nach Nepal und Bhutan hinein, bevor der Buddhismus auf das Dach der Welt gelangte.

Hier im einst von Nomaden besiedelten Garuda-Tal liegt, – so Lopon Tenzin Namdak vom Bön-Kloster Thiten Norbuche in Katmandu -, „unser Shambhala“. Es ist Teil des im 7. Jhrdt. n. Chr. im Kampf mit Songtsen Gampo untergegangenen Shang-Shung-Reichs, das Tibet zuvor so lange beherrschte. Vom britischen Autor James Hilton wurde das Wort „Shambhala“ wohl zu „Shangri-la“ verballhornt (Quelle: Spiegel 17/06). Im Laufe der Zeit wurde aus „Shambhala“ ein mystisches Reich, aus dem die Retter der Menschheit kommen sollten.

Kun-lun-shan-Berghund

Doch schon lange vor der buddhistischen Übernahme der Macht in Tibet durch die Yarlung-Könige um Songtsen Gampo erfreuten sich wohl schon die Bön-Tibeter an gedrungenen, langhaarigen Kleinhunden und schätzten ihre großen Wach-, Hirten und Schutzhunde. Und durch die Ausbreitung der Macht der Bön-Könige über das Tarim-Becken bis weit in den Altai und den angrenzenden mongolischen Altai hinein, fast Tausend Jahre lang, war der ständige Austausch der asiatischen Steppenhunde nach Tibet hinein über einen langen Zeitraum gewährleistet.

Spätestens jetzt ist also die Zeit, wo die Berghunde des Kun-lun-shan, selber abstammend von mittelgroßen mongolischen Karawanenbegleithunden, nach Tibet sich ausbreiten, als Hütehunde von den Nomaden eingesetzt und als weiter gezüchtete Kleinhunde vielleicht bereits durch die Eliten als Luxus, als Begleithunde gehalten werden. Noch dauert es fast ein weiteres Jahrtausend, bis sie als Löwenhunde, als Schneelöwen Buddhas – ssengge – mit einer völlig neuen Bedeutung „aufgeladen“ und zu buddhistischen Klosterhunden gemacht werden. Schneelöwen sind die Beschützer Buddhas. Bei Gefahr wachsen sie zu riesiger Größe heran!

Schneelöwe - ssengge - in einem tibetischen TempelFoto: Strößner

Schneelöwe – ssengge – in einem tibetischen Tempel
Foto: Strößner

Doch bis in die „Gegenwart“ hinein, mindestens 1930, existierten die Apso als Hütehunde und „Türglocken“ der Nomaden ebenso wie als Begleithunde der Mönche in den Klöstern. Heute aber könnte der TT als Hütehund bereits Geschichte sein.

(Primoz Peer nämlich hat bei seinen Tibetreisen auf der Suche nach Tibet Terrien – ab 2005 – keine TT als Hütehunde mehr vorgefunden. Und auch die Mönche und Äbte der Klöster, mit denen er sich unterhielt, wussten in mündlicher Überlieferung nichts mehr von einer Hütehundaufgabe der Tibet Terrier.)

Doch mit diesem Sprung vom Kun-lun-shan über 3 Jahrtausende bis heute suggeriere ich eine Kontinuität, die so nicht beweisbar ist. Es gibt dafür nur zwei starke Indizien, doch dazwischen liegt fast nur Spekulation. Das erste Indiz ist der archäologische Befund des Berghundes und die auf anatomischen Vergleich gründende These Uli Gelbrichs, alle tibetischen Kleinhunde stammten von diesem ab. Das ist ein starkes Indiz am Anfang der Beweiskette. Das zweite starke Indiz liegt am Ende. Wie viele – oder gar alle – Dalai Lama führt auch der gegenwärtige in seinem Kennel einen weißen Tibet Terrier, einen ssengge, einen Schneelöwen.

Der junge Tendzin Gyatsho als 14. Dalai Lama mit seinem Tibet Terrier "Ssengge".Foto: Unbekannt

Der junge Tendzin Gyatsho als 14. Dalai Lama mit seinem Tibet Terrier „Ssengge“.
Foto: Unbekannt

Davon gibt es sogar mit dem jungen Dalai Lama ein Foto, dass auch im Netz herum schwirrt und dessen Fotograf für mich nicht zu ermitteln ist.

Kind mit HundFoto: Strößner

Kind mit Hund
Foto: Strößner

Aber mehrfach habe ich per TV den Dalai Lama in humorvoller Weise seinen Ssengge erwähnen gehört, mit dem er sich auf geistig-philosophischer, aber auch auf „psychischer“ Ebene austausche. Er spricht von seinem Tibet Terrier wie von einer tatsächlichen, respektierten Person. Und das zeigt, wie tief der Mythos des Schneelöwen im tibetischen Buddhismus verankert ist. Interessanter Weise findet sich kein anderer Typ Apso, so z.B. der Lhasa Apso oder der Tibet Spaniel als Schneelöwe im Kennel des Dalai Lama!

Wie aber stellt man nun die Verknüpfung zwischen diesen beiden starken Indizien her? Gehen wir wieder zurück in den Kun-lun-shan zum Berghund. Tibeter gab es dort noch nicht. Und erst Recht finden sich keine schriftlichen Quellen über diese Hunde. Erst knapp 1.700 Jahre danach gewinnt mit dem Buddhismus auch eine Schrift Eingang in das tibetische Leben.

Und erst um diese Zeit, im 7. Jhrdt. nach der Zeitenwende, kann sich der Mythos des Schneelöwen auf die langhaarigen tibetischen Hunde übertragen haben, die es zweifellos schon dort gegeben hat. Es wird aber gewiss nicht so gewesen sein, dass sich buddhistische Mönche in den Kun-lun-shan aufgemacht haben, um sich dort passende Hunde für eine eigene Zucht als Löwen-Hunde zu holen! Der Mythos des Schneelöwen gehört aber zu den fundamentalen Bereichen des tibetischen Buddhismus. Schneelöwen sind kleine Wesen, Geister, die als Beschützer Buddhas fungieren. Bei Gefahr wachsen diese Schneelöwen zu Riesen heran. Mit den kleinen Langhaarhunden hatten die Mönche eine tibetische Vorlage, die sie in ihren buddhistischen Vorstellungskreis einfügen konnten. Allerdings gibt es heute wohl keinen einzigen schriftlichen Nachweis über diesen Vorgang. Wenn Mönche ihre „Löwenhunde“ beschrieben haben, dann dürften diese Zeugnisse spätestens während der Barbarei der chinesischen „Kulturrevolution“ durch Maos „Rote Garden“ vernichtet worden sein. Sollten aber versteckte tibetische Schriften diesen Sturm überlebt haben, dann sind diese nicht für andere als die tibetischen Mönche, die sie gerettet haben, einsehbar. Gelbrich jedenfalls hat nichts von solchen schriftlichen Zeugnissen verlauten lassen, und wenn es sie wirklich gäbe, wer sonst als er hätte dort Zugang haben können?

Aber ich bin mir sicher, dass die buddhistischen Mönche nicht nur tatsächlich vorhandene Hunde zu Schneelöwen gemacht haben, sondern es dürften auch keine in der tibetischen Gesellschaft unbedeutenden „Allerweltsköter“ gewesen sein. Sie haben sich, so schließe ich, auf die besondere Wertschätzung dieser Hunde schon während der Bön-Gesellschaft stützen können und deren Funktion in buddhistischer Weise um gedeutet. Die Übertragung des Schneelöwen-Mythos auf die Apso-Hunde ist also das entscheidende Bindeglied zwischen der weit zurück liegenden Vergangenheit und heute.

Mönch mit HundenFoto: Strößner

Mönch mit Hunden
Foto: Strößner

Der nächste Schritt in der Verbindung nach heute liegt in der Etablierung des Abtes vom „Gelbmützenorden“ zum Dalai Lama, 1578 als geistiges Oberhaupt Tibets durch den Mongolenherrscher Gusri Khan eingesetzt, 1645 auch als politisches Oberhaupt durch den Mongolenschutzherrn Altan Khan. Maximal bis zu dieser Zeit zurück reicht die Tradition des heutigen Dalai Lama. Wobei ich durchaus auch in Betracht ziehe, dass bereits die Äbte des „Gelbmützenordens“ diese spirituelle Tradition eingeführt haben.

Große Hunde – kleine Hunde  in Tibet – Do Khyi und Apso

Und auf der anderen „Seite“ Tibets, in den Hochweiden des Himalaya, so hoch, wie sonst keine andere Wirtschaftsform auf der Welt existiert, entwickelten sich diese großen Hirtenhunde, abstammend von zentralasiatischen Owtscharkas, in einer relativ kleinen, isolierten Gegend zu den prachtvollen Do Khyi, die den Tibetern als Verkörperung des Geistes des Himalaya gelten.

Do Khyi in Tan!Mustergültig im F.C.I. - Standard!Foto: Tadra

Do Khyi in Tan!
Mustergültig im F.C.I. – Standard!
Foto: Tadra

Heute dürfte der „echte“, tibetische Do Khyi, nicht der chinesische Abklatsch, der seltenste Großhund der Welt sein – schon fast ausgestorben! Denn die in chinesischen Zuchten produzierten Hunde sind bestenfalls als „Chinese Mastiff“ anzusehen, nicht als Do Khyi – auch wenn Chinesen für einzelne Do-Khyi-Rüden bereits so aberwitzige Summen wie 1 Millionen €uro bezahlen! (Als ich ein Foto dieses kostbaren Jungrüden auf den armen der stolzen Milliardärsfrau gesehen habe, bin ich richtig erschrocken. Der angeblich Do Khyi zeigte zwar das durchaus typische Black and Tan der Do Khyi, besaß aber sonst ein Gesicht mit Hängelefzen wie eine Bordeaux-Dogge. Das konnte kein reinrassiger, sondern nur ein „gepanschter“ tibetischer Hund sein!)

Und die in Europa und Amerika gezüchteten Do Khyi stammen mit Sicherheit nicht von tibetischen, sondern von nepalesischen Hunden ab. Aber auch in den USA und Kanada werden, so eine dort lebende Züchterin deutscher Herkunft, die Do Khyi mehr oder weniger heimlich mit anderen Molossoiden „verpantscht“ – weil die nepalesischen Zuchtlinien so eng sind.

Tibet ApsoFoto: Strößner

Tibet Apso
Foto: Strößner

Allerdings: Im Jahr 2009 habe ich von der Züchterin des Kennels „von Jagalaa“ viele Fotos von ihrer Tibetreise in Begleitung des slowenischen F.C.I. -Zuchtrichters Primoz Peer gesehen. Darunter konnte ich zu meinem Erstaunen auch etliche sehr schöne Do Khyi erkennen, die mit Sicherheit die wichtigsten Kriterien des F.C.I.-Standards erfüllten. Offenbar haben auch die Tibeter bemerkt, dass ihre Hunde immer gefragter, und damit wertvoller geworden sind. Und Primoz Peer behauptet sogar, die Tibeter seien im weiten Umkreis als schlaue, begabte Händler bekannt – und gefürchtet! Es sei ihnen gegönnt, wenn sie sich auf diese Weise auch von den Chinesen etwas von dem zurück holen können, was ihnen von diesen seit der Annektion gestohlen worden ist!

Junge aus dem Waisenhaus in AmdoFoto: Tadra

Junge aus dem Waisenhaus in Amdo
Foto: Tadra

In jedem Fall aber gibt es in Tibet noch die originalen Tibet Terrier, die dort in den Dörfern meist als Türglocke fungieren. Es handelt sich um die gleichen Hunde, aus deren Mitte Frau Dr. Greig ihre Ladkok- und Lamleh-Hunde erhalten hat und von denen aus die Zucht des Tibet Terriers in Europa und dann auch in den USA und Kanada in Angriff genommen wurde.

Webseiten des Tadra-Kinderdorf-Projekts: Siehe unter „Links“!